Shikasta – Doris Lessing

Sie wurde 94 Jahre alt, verstarb im November 2013  und hinterlässt uns ein wundervolles Erbe an großartigen Romanen.
Einen davon möchte ich hier besonders hervorheben: Shikasta

Es ist der erste von isng. 5 Romanen aus dem Zyklus „Canopus in Argos: Archive“, welche Doris Lessing selbst als „Space-Fiction“ bezeichnet hat. Sie wurde kurz nach Veröffentlichung dieses Romans im Jahr 1979 häufig scharf angegangen – von den gängigen Kritikern, wie auch von ihren Fans. nachdem sie jahrelang thematisch mit sozialistischen sowie psychologischen Fragestellung besonders aus der weiblichen Perspektive befasst hatte, mutete dieser „unrealistische“ Weltraumroman den meisten Leser als zu oberflächlich und fiktiv an. Während die Literaturwissenschaft „Das goldene Notizbuch“ als ihr Hauptwerk kennzeichnet, bezeichnete Doris Lessing den Zyklus als ihre wichtigste Arbeit und sagte in einem Interview, dass diese 5 Bücher die ihrer Ansicht nach realistischsten Werke seien. Und ich kann dem nur zustimmen.

Doris Lessing kreirt in unglaublich intensiver Art eine Welt, die absolut spürbar ist. Der Roman wird aus der Sicht eines Abgesandten, Johor, einer hoch entwickelten, weisen und gütigen Spezies aus dem Sternenreich Canopus erzählt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Berichte über die Beobachtungen dieses Abgesandten bzgl. der Entwicklung eines von ihm beobachteten Planeten – Shikasta. Die Bewohner Canopus‘ besuchen die verschiedensten Welten, indem sie in einen ihrer Bewohner inkarnieren. Durch die Erfahrunen aus diesen Leben ist es ihnen möglich, umfangreiche Berichte über die planetäre Entwicklung zu verfassen. Shikasta hieß nicht immer so. Denn Shikasta bedeute „Die Gefallene“. Shikasta war einst Rohanda, ein Planet voller Hoffnung für Canopus, denn jegliches Leben war im Einklang mit der Materie und der Energie, die sie umgab. Eine Zustand, der im Sternenreich Canopus als „Substanz-des-Wir-Gefühls“ benannt wird. Rohanda schwang dabei in Harmonie und Gleichgewicht mit dieser Energie allen Daseins und um die humanoiden Bewohner Rohandas zu fördern, siedelte Canopus eine lehrende Rasse riesenhafter Wesen an. Für lange Zeit entwickelte sich der Planet prächtig, doch ein kosmisches Zufallsereignis ließ die verbindung Rohandas zur „Substanz-des-Wir-Gefühls“ nahezu abbrechen. Damit war der Planet den Einflüssen Shamats, einer anderen Sternenmacht, welche sich von Gier und Zerstörung zu nähren scheint, ausgesetzt. Krankheiten breiten sich aus und die Lebenserwartung der Bewohner Rohandas sinkt. Rohanda wird zu Shikasta und degeneriert zusehends unter den Augen seiner einstigen Förderer. Um dem entgegenzuwirken, schickt Canopus immer wieder Botschafter – teilweise geheim, teilweise offen – um den Bewohnern Weltanschauungen, Philosophien & Religionen zu vermitteln. Doch der Einfluss Shamats ist zu groß und somit werden jegliche Ideenmuster pervertiert und in ihr Gegenteil gewandelt. Alle Versuche Canopus‘, Shikasta vor seinem endgültigen Verderben zu bewahren, inkarniert Johor im Jahrhunder der drei Weltkriege ein letztes Mal in der Gestalt des George Sherban auf Shikasta, um die Welt zu retten.

Doris Lessing erschafft in diesem Roman eine wundervolle Sichtweise von außen auf die Entwicklung einer Welt, auf der alles Leben in Harmonie und Einklang existieren könnte. Dabei bildet das Sternenreich Canopus ein Sinnbild dessen, was mit Worten wie „absolutes Bewusstsein“ oder „Einheit“ beschrieben werden könnte. Durch die Augen absoluter Güte und Wertungfreiheit und voller Mitgefühl beobachtet diese Spezies die Vorgänge im Universum. Sich dabei aber stets dessen bewusst, dass die Dinge so geschehen werden, wie sie geschehen müssen. Canopus‘ Gegenspieler Shamat mutet im Vergleich dazu als das „Ego“ an, welches stets von dem Gefühl getrieben wird, zu wenig zu haben und einem Nachteil ausgesetzt zu sein. Aus diesem Mangel heraus ist Shama darauf aus, endlich das zu erreichen, was Canopus hat. Shamat ist sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass es all dies schon seit jeher besitzt.

Doris Lessing gelingt es auf fast hellseherische Art, dem Leser aufzuzeigen, auf welchem Weg sich die Menschheit befindet und dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, um einzulenken. Dabei hat das Buch auch nach über 30 Jahren an Aktualität nicht eingebüßt. Doris Lessing hat 1979 Entwicklungen in der Menschheit erspürt und in diesem Buch beschrieben, welche sich heute manifestiert haben. Zu guter Letzt eröffnet sich aus Sicht von Camopus eine Lösung – doch Canopus ist wertungsfrei. Ob dem Leser diese Lösung zusagt, ist individuell zu sehen.
Dieser Roman ist jedem zu empfehlen, der offen für etwas abstraktere Ideen bzgl. der natürlichen Gesetze im Universum ist und jeder, der sich vorstellen kann, „dass da noch mehr sein kann, als was uns die Schulweisheit lehren kann“. Meine Mutter sagte mir, nachdem sie dieses Buch auf meine Empfehlung hin laß, dass es zu einer Pflichlektüre für jeden Menschen werden sollte, der andere leiten und führen will: Politiker, Geschäftsführer, Lehrer… Und ich kann ihr nur beipflichten.

Die anderen 4 Bändes des Zyklus „Canopus in Argos: Archive“ heissen:
Die Ehen zwischen den Zonen drei, vier und fünf
Die sirianischen Versuche: Ein Bericht von Ambien II, einer der fünf
Die Entstehung des Repräsentanten vom Planet 8
Die sentimentalen Agenten im Reich Volyen

Die 5 Bände stehen nicht zwingend in Zusammenhang. Sie sind in der gleichen Welt angesiedelt, welche Doris Lessing in „Shikasta“ kriert hat, inhaltlich jedoch nur leicht verknüpft. Es empfiehlt sich dennoch, die Bücher in der Reihenfolge Ihres Erscheinens zu lesen. Leider sind „Shikasta“ sowie der 4. Band aus dem Zyklus derzeit nur als Werksausgaben erhältlich. Die anderen drei Bände sind vergriffen und nur noch „second hand“ zu bekommen. Es lohnt sich aber, danach Ausschau zu halten. Möglicherweise erleben diese Bücher, sowie andere Werke Lessings durch ihr Ableben eine Neuauflage in Deutschland.

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