Nackt

Wann bist Du eigentlich das letzte Mal nackt gewesen?

Ich meine damit nicht nackt, weil Du gerade routinemäßig bei der Morgentoilette unter die Dusche steigst. Ich meine damit auch nicht nackt, weil Du gerade Deine Kleidung komplett wechselst, da Du von einem Regenschauer überrascht worden bist und Dich nun schnell trocken legen musst.

Ich meine, wann bist Du das letzte Mal nackt gewesen und hast Dich und diesen Zustand ausgiebig erfahren. Wann hast Du das letzte Mal nackt auf Deiner Couch gelegen und ein Buch gelesen. Wann hast Du das letzte Mal nackt in der Küche gestanden und Dir eine Mahlzeit zubereitet. Wann hast Du das letzte Mal nackt an Deinem Computer oder Laptop gesessen, um Rechnungen beim Online-Banking zu begleichen? Hast Du überhaupt schon einmal diese oder andere Dinge nackt getan?
Nein? Warum nicht?
Es begegnen mir seit jeher immer wieder auch Menschen, die mit sich selbst nicht gern nackt sind. Oftmals wird es auf die Erziehung geschoben und ja, ich bin sicher, der Umgang mit Nacktheit im Elternhaus hat eine unglaubliche Wirkung auf die Art, wie wir im Laufe unseres Lebens mit unserer eigenen und auch der Nacktheit anderer umgehen. Trotzdem frage ich mich, warum so viele Menschen Schwierigkeiten damit haben, mit sich selbst ohne Kleidung zu sein.
Es geht ja nicht darum einen gesellschaftlichen Tabubruch zu begehen und seine Gäste auf der eigenen Geburtstagsfeier textilfrei zu begrüßen. Auch wenn ich sicher bin, dass jeder damit helles Aufsehen erregen würde. Vielleicht sollten wir stattdessen aber einmal in uns hinein horchen, woher diese Verhalten – so fern es denn offenkundig auftritt – kommt- Worin liegt es begründet, dass wir nicht nackt mit uns sein wollen?

Manch einer wird sagen, dass es ihm unangenehm ist, im Beisein der eigenen Kinder oder anderer Familienmitglieder einfach mal ohne Grund nackt zu sein. Diese Grundhaltung ist ebenfalls stark beeinflusst von dem, was wir in unserer familiären und gesellschaftlichen Prägung über Nacktheit gelernt haben. Dennoch wird es Momente geben, in denen jeder von uns „allein“ ist und zumindest dann könnten wir uns einen solchen Moment hin und wieder zugestehen. Abgesehen davon ist nackt zu sein, doch die natürliche Urform unseres Körpers.

Nackt zu sein vermittelt manchen von uns vielleicht das Gefühl, schutzlos zu sein. Das ist zunächst ein ganz natürlicher Instinkt. Wir werden nackt und auch schutzlos in diese Welt geboren und ohne die Unterstützung anderer Menschen würden wir so höchstwahrscheinlich nicht lange überleben. Aber im Laufe unseres Lebens wird uns doch klar, dass diese Art von Schutz in bestimmten Momenten einfach nicht mehr notwendig ist. Wenn wir uns zum Beispiel zu Hause in unserem Wohnraum aufhalten, gibt es eigentlich kaum einen Grund, aus diesem Schutzbedürfnis heraus, Kleidung zu tragen.

Manch einer möchte vielleicht seine guten Möbel nicht verschmutzen. Immerhin sondern wir über den Tag Schweiß ab und Schweiß ist ja was ganz ekeliges – dreckig – etwas, dass man nicht haben darf. Hmm, an dieser Stelle muss ich erneut grübeln. Wieso sollte Schweiß etwas Schlechtes sein? In erster Linie handelt es sich hierbei um eine biologisch-körperliche Eigenschaft, die eine Funktion hat (welche ich nicht erläutern werde). Es ist damit eine ganz natürliche Absonderung unseres Körpers. Sie kommt aus uns heraus, auf natürlichem Wege und kann damit doch grundsätzlich erstmal nichts Schlimmes sein. Es ist Teil unserer manifesten Form. Wenn wir uns vor unserem eigenen Schweiß so sehr ekeln, dass wir uns nicht zugestehen können, uns zumindest hin und wieder einmal nackt auf unser Sofa zu legen, dann sollten wir uns auch hier fragen, wieso dem so ist. Abgesehen davon gibt es waschbare Textilien zum Unterlegen, wenn es denn gar nicht mit unserem Hygieneempfinden zusammenpassen will. Dennoch stecken tief dahinter Fragen: Warum ekelst Du Dich vor Dir selbst? Warum hast Du das Bedürfnis, Dich vor Dir selbst zu maskieren, Dich zu verhüllen und unkenntlich zu machen?

Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ sagt schon einiges darüber aus. Die Kleidung, die wir tragen, macht uns zu dem, was wir sind. Doch es gibt da einen Haken. Sie macht Dich nur in einem gefilterten Bild zu etwas. Das was unter dieser Maskerade verborgen liegt, bleibt so, wie es ist. Du kannst mit Kleidung nur vorgeben, etwas zu sein, was Du nicht bist. Du kannst damit aber nur in den seltensten Fällen Deinem inneren Selbst Ausdruck verleihen. Auch hier zielt die Frage nach dem „warum“ auf den gleichen Kern. Warum willst Du Dich mit Kleidung verhüllen, verschleiern, verstecken?
Keine Frage, wir leben mehr oder weniger im Einklang mit bestimmten Regeln und Konventionen. Diese will ich an diesem Punkt auch nicht hinterfragen. Aber sobald wir aus der direkten Konfrontation mit diesen Regeln treten, behalten wir dennoch ihre zugeordneten Verhaltensweisen bei. Manchmal sind es auch nicht nur diese Regeln, sondern Umstände der Natur, die uns dazu veranlassen, unseren Körper in Kleidung zu hüllen. Es gibt Regen, Sturm, eisige Temperaturen im Herbst und Winter zum Beispiel. In diesem Fall hat Kleidung nicht den primären Nutzen des Verhüllens, sondern des Schutzes – das liegt klar auf der Hand.

Entsprechend wird manch einer auch sagen, dass er oder sie allein zu Hause in der Wohnung nicht nackt ist, weil es dort zu kalt ist und es ja nicht sein muss, dafür wertvolle Energie zu verschwenden. Dem stimme ich zu, aber es ist nur ein bedingt guter Grund für den Kern, auf den ich hinaus will. Es lassen sich natürlich immer Gründe dafür finden, nicht mit sich selbst nackt zu sein.

In gewisser Hinsicht ist Kleidung auch eine Form des Zerstreuens und Ablenkens. Denn wenn wir nackt mit uns sind, können wir uns vor uns selbst noch weniger verbergen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass unser Körper kleine Unzulänglichkeiten aufweist. Unzulänglichkeiten, die wir sonst gut vor anderen und vor uns selbst verstecken. Zum Beispiel unsere natürlichen Fettreserven, weil uns durch die Unterhaltungsmedien vorgespielt wird, dass ein schöner Körper im besten Falle KEIN Fett hat. Was für eine destruktive Annahme. Eventuell haben wir in der Tat ein wenig zu viel Speck angesammelt, weil wir zu ausschweifend unseren geschmacklichen Genüssen nachgehen. Es könnten sich ein paar Falten oder nicht mehr so straffe Haut bemerkbar machen. Es gibt vieles, was unser Körper uns schon auf dieser rein äußerlichen Ebene zeigt und dem wir nicht gern ins Auge schauen.

Aber wir sollten hinschauen. Wir sollten uns bewusst darüber sein, dass dieser Körper uns auch vieles schenkt. Meistens jedenfalls. Wir können damit so viele Dinge tun und so vieles erleben. Wir brauchen ihn nicht zu fürchten oder ihn zu verstecken. Er ist ein Werkzeug unseres Daseins. Etwas, damit wir unser Dasein überhaupt bestreiten können. Wir bewegen uns in unserem Körper fort, wir speichern in unserem Körper Nahrungsreserven, Wasser, Erbinformationen und Gedankenmuster. Der Körper ist eine unglaublich starke und widerstandfähige Maschine, die uns fortlaufend unterstützt.

Wenn Du noch nie einen bewussten Moment der Nacktheit mit Dir selbst verbracht hast, möchte ich Dich hier und heute dazu ermutigen. Versuch es einmal und spüre hinein, was es mit Dir macht. Es kann das altbekannte Gefühl des Unbehagens in Dir aufkommen. Dann nutze die Chance und versuche dieses Gefühl trotzdem noch einen Moment länger auszuhalten. Spüre hinein, in dieses Gefühl und frage Dein inneres Selbst, was es Dir so schwer macht, diesen natürlichen Zustand des Daseins auszuhalten. Was hält Dich davon ab, Dich selbst zu lieben und diesem Zustand zu genießen?
Vielleicht entdeckst Du aber auch, dass es einfach großartig und befreiend ist, nackt zu sein. Dass es kreative Impulse in Dir weckt oder dass Du Dich selbst einfach neu entdeckst. Möglicherweise wächst Dein Verständnis für Dich selbst und Du kannst Dich nach und nach noch mehr annehmen, wie Du bist.
Schau tief in Dich und erfahre, ob dieses Kind, welches seinerzeit nach dem Baden nackt durch die elterliche Wohnung geflitzt ist, noch in Dir steckt… es schläft meistens nur, aber es ist an Dir, es hin und wieder aufzuwecken.

Ich wecke dieses Kind sehr gerne auf und genieße jeden Moment davon.

Ein schönes Wochenende Euch allen.

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