Die Wahl des Weges

Ich bin krank! Ich war schon das gesamte schöne und sonnige Pfingstwochenende krank und plage mich mit einer üblen Erkältung herum. Husten, Schnupfen, Hals-, Kopf- und teilweise Muskelschmerzen quälen mich. Während alle anderen die Sonne genießen, muss ich drinnen liegen und das Bett hüten. Ich habe so viel kostbare Zeit vergeudet damit, diesen geschwächten Körper zu schonen und hätte so viele andere, wundervolle und bessere Dinge tun können. Ein Freund wollte etwas mit mir trinken gehen, ein anderer feiern, ich hätte Sport treiben und mich ein wenig sonnen können. Aber nein, ich musste ja krank im Bett liegen und habe mich so schlecht gefühlt und es war so schlimm, dass…

Hmmm – Ja, so hätte ich die ganzen letzten Tage verbringen können… Leidend und ablehnend hätte ich mich in eine Krankheit ergeben können, die aber diese Art von Aufmerksamkeit überhaupt nicht „verdient“ hat. Mit diesem Empfinden und dieser Haltung hätte ich alle Energie auf die Krankheit gelenkt und hätte diese damit genährt, hätte wohlmöglich ihre energetische Ursache noch mit genau der Nahrung gespeist, die sie benötigt um weiter aufzukeimen.

Ich habe mich jedoch anders entschieden.

Ja, ich habe Momente gehabt, in denen mich das krank sein an diesem gerade vergangenen Wochenende genervt hat. Ja, ich habe Momente erlebt, in denen ich mir gewünscht habe, nicht diese kratzenden Schmerzen beim Hustenreflex zu haben. Dennoch habe ich auch eine Wahl getroffen und mich bewusst dafür entschieden, meine Erkältung anzunehmen. Sie als Ausdruck meines Körpers zu erleben, welcher mir zeigen möchte, dass auf irgendeine Art ein Ungleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele besteht, welches sich nun auf diese Weise manifestiert hat. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, dem Körper die Ruhe zu geben, die er in solchen Momenten benötigt, um das Gleichgewicht wiederherstellen zu können.

Oftmals können wir das in solchen Situationen nicht besonders gut, weil wir uns dann vor Augen halten, was wir stattdessen alles nicht mehr machen können. Pläne, die wir häufig schon bis ins kleinste Detail im Voraus gemacht hatten, werden dann plötzlich durch so ein „Vorkommnis“ zunichte gemacht. Darauf folgen Groll und Unzufriedenheit, Leid und Schmerz. Wir kämpfen auf verzweifelte Art gegen die Tatsachen an, mit denen wir uns konfrontiert sehen, aber wir kämpfen auch auf eine Art, die uns nicht helfen wird. Im Gegenteil – wir geben der Situation noch genau die Energie, die wir eigentlich brauchen, um Heilung zu erfahren. Jedoch hatten wir uns bereits im Vorfeld schon aufs Glatteis gewagt, indem wir zu große Erwartungen darauf gesetzt hatten, dass die aufgestellten Pläne sich definitiv auch umsetzen lassen. Wir haben unser Augenmerk zu sehr auf die Zukunft gerichtet, anstatt den Moment zu genießen. Und als die Zukunft dann Gegenwart werden sollte, sahen wir uns mit einer Komponente konfrontiert, welche wir in der Planung nicht berücksichtigt hatten – eine Erkältung…

Aus diesem Schmerz heraus wählen wir dann oftmals einen Pfad des Leidens. Es ist einer der Wege, den wir dann gehen können. Er ist recht einfach, weil er uns keine weiteren Steine aufzeigt, die es zu umgehen oder zu überspringen gilt. Der Weg des Leidens ist klar, deutlich und damit sehr einfach zu gehen. Wir können uns einfach hineingleiten lassen und uns davon mitreißen. Das Paradoxe an diesem Weg ist es jedoch, dass die Einfachheit des Pfades selber in einer Handlung liegt, die sehr viel Energie beansprucht. Wir gehen in eine Haltung des Widerstandes und wollen etwas abwehren, was schon längst Teil unseres Selbst geworden ist. Wir begehren gegen etwas auf, dass sich in der Natur der Sache nicht konkret verändern lässt und durch diesen Kampf versorgen wir unsere Krankheit mit genau der Energie, die sie benötigt. Wir klammer uns an unserem Leid fest.

Wir haben allerdings die Wahl. Wir können uns entscheiden, die Situation zu nehmen, wie sie ist. Wir können uns entscheiden, unsere Krankheit einfach anzunehmen, zu umarmen, um sie dann wieder los zu lassen. In der Akzeptanz einer Situation findet sich gleichzeitig auch die Befähigung, sie gehen zu lassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Ein solcher Weg ist oftmals nicht sehr leicht einzuschlagen. Er weißt uns Steine auf: Zum Beispiel, melden sich Freunde, die gemeinsam etwas unternehmen wollen. Und nun müssen wir absagen, weil unser Körper uns dies versagt. Oder es existieren besagte Pläne, beispielsweise für einen Wochenendtrip, und die fallen damit ins Wasser. Manchmal ist es schlicht der Sonnenschein, der uns aufzeigt, was wir alles hätten tun können und ausgerechnet an diesen wunderschönen Tagen fühlen wir uns ans Bett gefesselt. Dennoch müssen wir nicht in diese kleinen Fallen tappen, wenn wir uns auf einem bewussten Pfad bewegen.

Ein guter Freund hat einmal ein schönes Beispiel genannt, wie wir einen dieser schwer anmutenden Pfade gehen können: Stellen wir uns doch einfach mal einen Pfad vor, welcher uneben ist, größere und kleinere Steine aufweist und alles andere als gerade und klar vor uns liegt. Und nun läuft ein kleines aber stetes Rinnsal Wasser diesen Pfad hinunter. Es findet seinen Weg, so oder so. Es umfließt die kleinen und auch die großen Steine. Selbst die Unebenheiten überwindet es, indem es seine Kräfte sammelt und dann, im richtigen Moment den Weg aus der Unebenheit heraus findet und weiter fließen kann. Es mag an diesen Stellen länger dauern, auf dem Weg vorwärts zu kommen, aber im den Moment, in dem der Fluss eines der Hindernisse überwunden oder umgangen hat, fließt der Fluss umso stärker weiter.

Der leichte Pfad, den wir oft sehen und so gern einschlagen, ist leider eine Illusion. Es ist der Stein, der vor uns liegt, der uns glauben macht, wir könnten einfach durch ihn hindurch gehen. Der uns glauben machen möchte, dass das in diesem Versuch der leichte Weg liegt. Aber wie sollte Wasser durch einen Stein fließen können? Wir bleiben davor und geben so viel Energie daran ab, weil wir mit aller Kraft versuchen, etwas zu vollbringen, was nicht möglich ist. Und trotzdem ist es so verlockend, dieser Illusion zu folgen und uns zu verbiegen und dabei in Zukunft und Vergangenheit zu flüchten. Ich wage an diese Stelle nicht, mir anzumaßen ein solches Vorgehen als falsch zu benennen. Wir alle treffen unsere Wahl und jeder trifft stets die für sich richtige Wahl. Somit kann auch der Weg des Leidens ein „richtiger“ Weg sein.

Dennoch habe ich erkennen dürfen, dass es möglich ist, wie das Wasser zu sein, wenn wir auf unserem Weg sind. Wir müssen nicht an allen Steinen und in allen Unebenheiten endlos hängen bleiben und unsere Energie in ihnen verbrauchen. Wir können in diesen Momenten unsere Energie bündeln und dafür aufwenden, die Hindernisse zu überwinden und wie das Wasser unseren Weg an ihnen vorbei und aus ihnen herausfinden. Jedes dieser Hindernisse birgt eine Erfahrung, jedes eine Erkenntnis.

Vielleicht fragt Ihr Euch, was ich denn dann für wundervolle Erkenntnisse und Erfahrungen hatte, während ich bei sonnigem Wetter das Bett hüten musste. Ich habe erlebt, dass ich einen angenehmen Spaziergang machen konnte, der meinem Körper gut getan hat, gerade WEIL die Sonne geschienen hat. Das wäre im Regen nicht so angenehm gewesen. Ich durfte die heilende Kraft von Freunden und Bekannten spüren, die sich gemeldet haben, weil sie eigentlich etwas unternehmen wollten und mir dann gute Besserung gewünscht haben. Ich konnte von meinem Krankenlager aus die strahlende Schönheit der Natur bewundern und habe daraus Kraft und Inspiration für diese Worte, die Ihr gerade lesen könnt, geschöpft. Und ich bin dankbar dafür.

Ich las neulich über ein 13-jährges Mädchen, welches an Knochenkrebs verstarb und kurz zuvor einen Brief für Eltern und Freunde hinterließ, in welchem sie sinngemäß niedergeschrieben hatte, dass es wohl gar nicht auf das Leben selbst und die Art und den Zeitpunkt des Todes ankommt. Sie hatte für sich erkannt, dass es vielmehr auf die „Geschichte“ ankommt, die wir alle selbst aus unserem Leben machen und dass wir stets die Entscheidung über Leid und Glück in unserem Leben haben, egal, was uns passiert. Wir sollten uns auch in den unschönen Momenten für das Glück entscheiden. Ich bewundere die Klarheit des jungen Mädchens.

Wir haben die Wahl, so bewusst zu sein und auch solche Erfahrungen und Erkenntnisse zu unseren werden zu lassen. Nimm auch das an, was Dir zunächst widerstreben mag und erlebe, was daraus erwachsen kann.
RoseDiese Worte widme ich allen Menschen, die sich weitaus größeren Herausforderungen ausgesetzt sehen, als einer simplen Erkältung. Ich widme es den Menschen, die schwere Krankheiten zu bewältigen haben oder tiefgehende traumatische Situationen durchleben mussten. Lasst Eure Erlebnisse nicht zu Eurem Feind werden, sondern zu einem Freund, welcher Euch die Möglichkeit einer Wahl aufzeigen möchte.

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