Gefangen in einer freien Welt – Teil 4: Unsere eigenen Kerker

Im Prinzip bauen sich also viele von uns ein eigenes kleines Gefängnis. Wir legen uns Fesseln an, manche von uns knebeln sich sogar, ohne dass es einen Grund dafür gäbe. Doch wir tun es. In dem Glauben, nach Höherem zu streben, doch das Höhere ist so viel näher. Es ist nicht im Außen zu finden, nur und ausschließlich in uns. Wir sind das Höhere, sind Teil dessen, wir könnten gar nichts anderes sein, als ein Teil des großen Ganzen.

Immer wieder gelingt es Menschen, aus diesen Gefängnissen auszubrechen und zu bemerken, dass sie sich in Zwänge begeben haben und Süchten folgen, die ihnen und auch ihrer Umwelt nicht gut tun. Dies geschieht dann oft unter Schmerzen oder harten Kämpfen mit Urängsten und Urtraumen, welche wir tief in uns tragen – alle basierend auf unseren vielen Prägungsmustern. Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefangenschaft zu erkennen? Immerhin strebt jeder Mensch nach Freiheit. Doch merken nur wenige, wie ihr Verhalten ihnen selbst Fesseln anlegt.
Vielleicht weil wir Freiheit damit definieren, die „freie Wahl“ zu haben, so viel zu konsumieren, wie unser Geldbeutel hergibt. Nur wenn der Geldbeutel leer ist, kann nicht mehr konsumiert werden. Fakt ist, JEDER Geldbeutel ist irgendwann einmal leer und dann folgt auch nur noch Leere. Eine Leere, die jeder Drogensüchtige auf Entzug sicherlich bestens beschreiben könnte. Außerdem baut diese „Freiheit“ auf dem Leid anderer Menschen, Tiere, ja der gesamten planetaren Umwelt auf. Wie kann das wahre Freiheit bedeuten?
Wir alle gehen unsere Gefangenschaften aus eigener Initiative selber ein. Niemand zwingt uns dazu, wenn überhaupt lassen wir uns durch äußere Umstände zwingen. Dennoch liegt die finale Entscheidung bei uns. Das macht den großen Unterschied zu Menschen, die beispielsweise in den armen Ländern der Welt geboren werden. Diese Menschen arrangieren sich mit ihrer Lebenssituation. Natürlich streben auch sie nach mehr, aber dieses „Mehr“ bezieht sich zunächst auf die Dinge, die glücklich machen: ausreichend Nahrung, ausreichend Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Diese Menschen erreichen häufig eine größere Freiheit als wir, denn sie investieren ihre gesamte Kraft in das Erfüllen ihrer Grundbedürfnisse, ganz selbstverständlich. Sie sind nicht gefangen, denn sie streben dabei in jeder Sekunde nach vollkommener Freiheit.
Wir, die wir nach Geld und materieller Masse streben, streben in jeder Sekunde nur danach, noch süchtiger zu werden, sofern wir nicht das Bewusstsein darüber erlangen. Das gelingt uns meistens nicht, denn wir sitzen nicht wahrlich in einem lichtfreien Kerker. Das wäre einfach. In einem solchen Kerker herrscht Dunkelheit, Kälte, Feuchtigkeit. Wenn sich dann aber durch eine Form des Bewusstwerdens auch nur ein kleiner Spalt in der Kerkertür zeigt, würden wir sofort erkennen, dass wir aus etwas ausbrechen können, weil dahinter etwas anderes ist. Das Licht würde durch diesen kleinen Spalt eindringen und uns unmittelbar zeigen, dass es etwas dahinter gibt. Es gibt Menschen, die sitzen in solchen Kerkern und irgendwann in ihrem Leben geschieht etwas, dass die Tür ein klein wenig öffnet. Sie nehmen den Lichtschein wahr und erkennen sofort, dass es draußen anders ist. Heller, luftiger, frischer und schöner. Sie können ab diesem Moment der Erkenntnis alle Kraft daran setzen, und sei sie noch gering, den Spalt zu vergrößern und die Risse auszuweiten, damit das Konstrukt ihres Kerkers zusammenbricht.

Die meisten von uns haben sich aber keinen Kerker gebaut, sondern etwas, dass beinahe noch schlimmer ist. Es ist weniger deutlich erkennbar, kaum mit unseren Sinnen wahrnehmbar. Sie sitzen in Käfigen. Wie Vögel leben wir in Käfigen mit dünnen, beinahe kaum sichtbaren, jedoch massiven und unbiegsamen Gittern. Es fällt wunderbar viel Sonnenlicht durch die Gitterstäbe, wir spüren die Wärme, sogar die Geborgenheit und vergessen, dass uns durch die Gitterstäbe versagt bleibt, unsere Flügel – unser wahres Potenzial – auszubreiten. Die Gitter sind auch noch so weit auseinander, dass wir sogar die Arme herausstrecken können und so noch stärker die Illusion von Freiheit gewinnen. Wir berühren die Freiheit um uns herum, wir können sie auch riechen und sehen. „Da ist sie doch, ich sehe sie direkt vor mir, ich spüre sie an meinen Händen, ich rieche, schmecke und höre sie sogar… ich habe sie doch schon.“ Ja, diese Illusion ist für uns leicht zugänglich, denn die Gitterstäbe sind erwachsen aus Zerstreuungen, geboren aus Süchten. Süchte, die viele von uns mehr oder weniger miteinander teilen. Kollektive, gesellschaftliche Süchte, die wir gemeinsam verteidigen, weil sie das einzige sind, dass unsere gemeinschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten scheint.

Wer die Freiheit nie gesehen hat, weil er in einem Kerker sitzt, der erkennt sie sofort, wenn sie sich ihm offenbart. Er wird ausbrechen wollen und seinen neuen Pfad leichter erkennen.
Wer aber die Freiheit ständig vor Augen hat, sie mit allen Sinnen wahrnehmen kann, auch ohne sie in sich zu tragen, der sieht sein Gefängnis – seinen Käfig – nicht. Ein Käfig, der Schutz zu versprechen scheint, aber eigentlich nur Ausgrenzungen und Einschränkungen zulässt.

Gefangen in einer freien Welt: Teil 3 – Geld als Zwang

Gerade Geld ist eine Größe, durch die wir uns viel Freiheit rauben. Indem wir dem Idealbild der monetären Fülle nachstreben und immer mehr und mehr materielles Gut anhäufen, sind wir in der Zwangslage, dass wir eben auch immer mehr und mehr Geld benötigen, um all diesen Kram anschaffen zu können. Geld ist aber nur eine Erfindung der Menschen. Es wächst nicht auf Bäumen und leider entsteht es auch nicht in natürlichen, biologischen Prozessen. Wir müssen also, um es zu erhalten, in ein System eintauchen, welches Geld – ein Fantasieprodukt – zirkulieren lässt. Das bedeutet für so ziemlich jeden von uns, einer mit Geld vergüteten Tätigkeit nachzugehen, die wir gerne als „Arbeit“ bezeichnen. Gegen Arbeit ist zunächst nichts einzuwenden, im Gegenteil. Arbeit kann großartig sein. Im Zusammenhang mit Freiheit kann Arbeit wie wir sie kennen und noch viel mehr „Geld“ leider auch hinderlich sein:
Einige Menschen finden in ihrem Leben sehr schnell heraus, welche Tätigkeiten sie glücklich werden lassen und finden Möglichkeiten, damit ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Das ist der Optimalfall. Die Mehrheit von uns hat irgendwann eine Tätigkeit gewählt, die sich vermeintlich auf den eigenen Stärken und Fähigkeiten aufbaut. Wir vergessen dabei aber gerne, dass die Umstände an Arbeitsplätzen noch lange nicht dem entsprechen müssen, was für uns zuträglich und vertretbar ist. Das bedeutet, wir kämpfen im schlimmsten Fall nahezu täglich mit innerem Widerstand, weil die Bedingungen rund um unsere Arbeit nicht mit unseren Werten zusammen passen: Es kann das Firmenklima sein, dass nicht zu uns passt. Es können Kolleginnen und Kollegen sein, mit denen wir nicht auf ähnlicher Wellenlänge sind. Es ist auch möglich, dass der Job in keiner Weise das hält, was in der Jobbeschreibung und im Vorstellungsgespräch versprochen worden ist. Unzählige Dinge können Ursache sein und oftmals kommt eine Ursache für den Widerstand nicht allein.
Was machen wir Menschen dann dennoch sehr häufig? Wir verharren in unserem eigenen Elend, in der Annahme, dass es ohne diesen Job ja alles noch viel schlimmer sein würde. Nach dem Motto: Wir brauchen Geld, wir brauchen Konsumgüter, wir brauchen auch einen Job. Dieser ist nicht nur als Werkzeug zur Geldgewinnung, sondern wird auch als Symbol unserer gesellschaftlichen Anerkennung bewertet. Wer „nichts“ tut, ist „nichts“ wert… (Wobei ich gerne mal wissen würde, wir „nichts“ tun überhaupt gehen soll, aber das ist ein anderes Thema!) Der daraus entstehende Zwang, welcher vermeintlich Freiheit schafft, nimmt uns in Wirklichkeit jedwede Freiheit.
Es gibt auch Menschen, die ob unseres Systems gezwungen sind, an dessen Rand ihr Dasein zu fristen. Wer in diesem System seinen Platz nicht findet, fällt ganz schnell an die äußeren Grenzen der Gesellschaft. Es ist dabei auch für mich hier gar nicht relevant, ob die Gründe dafür mit Faulheit, Dummheit, mangelnder Intelligenz, zu wenig Antriebskraft oder sonst wie bezeichnet werden. In erster Linie sehe ich den Fehler nicht in diesen Menschen, sondern in unserem System. Es gibt in sehr engem Rahmen vor, wie ein Mensch erfolgreich oder nicht erfolgreich zu definieren ist. Es gibt ebenfalls sehr eng vor, was Produktivität, Nutzen, Effektivität und Effizienz bedeuten. Wer in diesem engen Muster ein bestimmtes Niveau nicht erreicht, fliegt raus und ist so gesehen für das System nutzlos. Wir speisen diese Menschen in unserer Gesellschaft dann noch mit einem sozialen Auffangsystem ab, welches ihnen ein minimales Budget gibt, um über die Runden zu kommen. Damit nehmen wir diesen Menschen aber auch ab dem Moment, in welchem sie erstmals in dieser Situation sind, nahezu alle Chancen, diesen Randbereich auch wieder zu verlassen. Was genau dieser Abschiebungsvorgang in Menschen bewirkt, kann ich nur vermuten. Aber ich bin recht sicher, dass so ein Mensch selten zu großer Antriebskraft und Motivation tendiert, geschweige denn, sich aus eigener Kraft aufschwingen kann. Möglicherweise beschäftigt er sich dann eingehender mit sich selbst. In einer Welt jedoch, die uns lehrt, dass wir uns auf Süchte verlassen müssen, um erfolgreich zu sein, ist der Griff zur Fernbedienung und damit zur stundenlangen Berieselung durch inhaltsfreie Unterhaltungsprogramme nicht fern. Es kann auch der Griff zu Alkohol oder anderen Drogen, zu Computer- oder Glücksspielen oder auch ganz anderem Suchtverhalten sein. Es macht im Endeffekt keinen Unterschied, denn wir alle streben nach Suchtbefriedigungen – so haben wir es gelernt.

Fortsetzung in Teil 4: Gefangen in einer freien Welt – Unsere eigenen Kerker

Gefangen in einer freien Welt: Teil 2 – Freiheit als essentielles Basis-Grundbedürfnis

Im ersten Teil habe ich meine Gedanken einmal frei zu unseren existenziellen Grundbedürfnissen fließen lassen. Heute möchte ich mich auf ein weiteres, wie ich es nenne, essentielles Grundbedürfnis konzentrieren. Es liegt als Basis letzten Endes den bereits angeführten Bedürfnissen zu Grunde, existiert aber auch parallel zu ihnen: Unser Bedürfnis nach Freiheit.
Der Mensch, so wie jedes andere Lebewesen auch, hat das dringende Bedürfnis, seine Handlungen frei vollziehen zu dürfen. Wir sind durchaus in der Lage, uns bestimmten Regeln zu unterwerfen. Das tun wir, weil diese schlicht für uns nicht abänderbar sind. Dazu gehören eben unsere lebenserhaltenden Routinen der Nahrungsaufnahme, des Atmens, Schlafes usw. Wir können versuchen, uns diesen natürlichen Regeln zu entziehen, werden dann jedoch schnell merken, dass unser Organismus dies nicht lange schadenfrei mitmacht. Anderen Regeln unterwerfen wir uns, wenn wir sie als notwendig oder sinnvoll erachten. Was genau für uns notwendig und sinnvoll bedeutet, ist stark gefärbt ist von Konventionen, Prägungen, Erfahrungen und Erziehungsroutinen, die wir im Laufe unseres Lebens kennengelernt haben. Weitere Regeln passen wir an, indem wir wissenschaftlich und technisch Fortschritte erzielen, die die Rahmenbedingungen soweit verändern, dass alte Regeln nicht mehr gelten und damit durch neue ersetzt werden.
Die Gemeinschaft, in welcher wir leben, brüstet sich damit, „frei“ zu sein. Nach den Definitionen von Politik, Wirtschaft und ähnlichen Konzepten mag dies sehr zutreffend sein. Nach den Maßstäben menschlicher Grundbedürfnisse kann ich dem leider nicht zustimmen. Die meisten von uns haben sich Zwängen unterworfen. Nicht, weil wir sie von der natürlichen Ordnung her notwendig sind, sondern weil sie uns als „normal“, „richtig“ und „notwendig“ nahegelegt worden sind. Dazu gehört auch das suchtgetriebene Konsumverhalten, welches ich in Teil 1 erläutert habe: Wer gesellschaftlich besonders geachtet sein will, muss sich potenziellem Suchtverhalten hingeben. Nahrungsmittel im Überfluss – sei es in Form von wiederkehrendem feudalen „Essen gehen“ in teuren Restaurants oder auch im eigenen Luxuskühlschrank. Dieser Kühlschrank steht im besten Fall in einer großen, imposanten Wohnung oder gar einem Haus mit den feinsten und besten Möbeln und einer Top-Ausstattung. Hinzu kommen Spielzeuge wir große Autos mit technisch hochwertigen Gimmicks und vielem mehr. In den Schränken findet sich Kleidung für jeden Anlass, in jeder Farbe, passend zu jedem paar Schuhe, für jeden Anlass, zu jeder Jahreszeit… Teufelskreise, die sich immer enger und enger um unser wahres Ich schnüren. Alle selbst eng miteinander verwoben, um uns mehr und mehr in einem Netz aus Süchten zu verfangen.
Sicherlich strebt nicht jeder von uns nach diesem „Mehr“. Ich kenne viele Menschen, die mit den kleinen Dingen des Lebens zufrieden sind, aber dennoch schwebt dieses Image als das höchste Gut über uns allen und gibt uns ein „Vorbild“, welches letzten Endes nichts mehr mit dem eigenen Glück zu tun hat, sondern mit Konsumsucht höchster Güte. Beinahe niemand von uns kann es sich heute leisten, auf bestimmte Güter zu verzichten. Allein schon, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können, benötigen wir einen Computer, Internet, Mobiltelefon usw. Ohne diese Dinge wird es schwer, wenn nicht beinahe unmöglich, eine Bewerbung zu platzieren und für den potenziellen Arbeitgeber erreichbar zu sein. Und dies ist nur ein Beispiel für die Abhängigkeit von technischen Produkten und Dienstleistungen.
Wir bauen uns in unserem Konsumkreislauf ein gesellschaftliches Gefängnis und nehmen uns damit das, was wir uns eigentlich am sehnlichsten anstreben: Freiheit!
Es heißt oft so schön, Geld mache frei und glücklich. Ich korrigiere so eine Aussage eher und behaupte, Geld KANN frei und glücklich machen.

 

Und was Geld aus meiner Sicht in diesem Zusammenhang für eine Rolle spielt, werde ich im 3. Teil mit Euch teilen.

Gefangen in einer freien Welt – Teil 1: Existenzielle Grundbedürfnisse

Einleitung:
Meine Gedanken sind so wunderbar frei geflossen und ich habe ihnen keinen Einhalt geboten. Wenn uns die Muse küsst, sollten wir sie laufen lassen. Was dabei aus meinem Inneren herauskam, wurde recht umfangreich. Es war einfach zu viel, um es in einem Post zu veröffentlichen. Ich habe entschieden, ihn in mehrere Kapitel zu teilen und werde in den kommenden Tagen jeweils einen Teil veröffentlichen.

Jeder Mensch hat die gleichen Grundbedürfnisse, die sich auf eine Handvoll Begriffe reduzieren lassen. Diese Grundbedürfnisse werden in den Naturwissenschaften wie auch in Bereichen der Sozialwissenschaften fast einheitlich benannt. Über eins sind sich viele Forschungsrichtungen einig: Werden diese Grundbedürfnisse erfüllt, sind wir glücklich. Was aber passiert darüber hinaus? Welche Auswirkungen hat es auf uns, wenn wir über unsere Grundbedürfnisse hinaus konsumieren? Diese Gedanken haben mich in den letzten Stunden und Tagen immer wieder beschäftigt:

Zunächst einmal sind da in jedem/r von uns existenziellen Grundbedürfnisse. Wir alle brauchen Nahrung und Wasser, um zu überleben. Daher ist es für jeden Menschen, wie für jedes andere Lebewesen auch, von höchster Wichtigkeit, Nahrung zur Verfügung zu haben. In unserer heutigen Welt ist unser Verständnis von diesem „zur Verfügung haben“ jedoch arg verzerrt. Das Glück stellt sich nicht dadurch ein, dass wir im Supermarkt von Tausenden Produkten die wenigen aussuchen können, die wir gerne mögen, sondern zeigt sich einzig und allein darin, dass wir irgendein für uns verwertbares Nahrungsmittel in dem Moment verfügbar haben, in welchem wir es zwecks Energie Gewinnung benötigen. Im besten Falle schmeckt diese Energie uns noch besonders gut, aber auch das ist nicht wirklich von Belang.
Die heutigen Verfügbarkeiten von Lebensmitteln und die Möglichkeiten, frei zu wählen und das auch am Samstagabend um 21.50h, kurz bevor die Geschäfte schließen, ist ein Luxuszustand. Dieser ist so in der Ordnung der Welt gar nicht notwendig, denn wir brauchen nicht die freie Wahl aus dem Überfluss von Nahrung, sondern nur die generelle Verfügbarkeit von Nahrung, um unser Grundbedürfnis zu erfüllen. Kein Wunder, dass die Fülle und die ständige Überfrachtung mit sämtlichen Waren bereits in unserem Gehirn nicht mehr nur das Glückszentrum, sondern das Suchtzentrum aktiviert*.
Das nächste Grundbedürfnis ist der Schutz vor aktueller Witterung. In unserer heutigen Zeit schaffen wir uns diesen durch Kleidung. Bei Kleidung verhält es sich ähnlich und es gibt ähnliche Forschungen wie zum Thema Nahrung, die zeigen, dass bereits der Erwerb und Besitz ab einer bestimmten Menge Kleidungsstücken pro Sorte Auswirkungen auf das Suchtempfinden im Gehirn hat. Letzten Endes benötigen wir auch nicht mehr als zwei Teile pro Kleidungsstück – eins zum Anziehen während das andere gereinigt und getrocknet wird. Der Kaufrausch, dem wir so gerne verfallen und welcher von jüngsten Geschäftsideen mit Massenabverkäufen zu Spottpreisen seinen Gipfel findet, ist im wahrsten Sinne ein Rausch – eine Sucht.
Unser drittes existenzielles Grundbedürfnis findet sich in dem Verlangen nach einem Unterschlupf, unsere Basis, an die wir zurückkehren können, also unsere Wohnung beziehungsweise unser Haus. Das Prinzip bleibt das Gleiche. Haben wir einen Ort gefunden, an dem wir uns wohl fühlen, benötigen wir nicht mehr als diesen und wir benötigen eigentlich auch nicht sonderlich viel Platz, um glücklich zu sein. Ein Plätzchen zum Schlafen, einen kleinen Ort für das Verrichten unserer täglichen Aufgaben wie kochen, essen und reinigen und vielleicht noch ein kleines Eckchen für unseren „Beruf“ und ähnliche Beschäftigungen. Haben wir so viel Raum, dass wir bestimmte Zimmer oder Plätze auf unserem Areal nur selten oder gar nicht betreten, befinden wir uns auch hier bereits in einem Überflussmodus, welcher unser Suchtzentrum triggert.

Wir alle haben aber im Laufe unseres Lebens gelernt, dass wir immer mehr und mehr brauchen und dass es erstrebenswert ist, dieses „Mehr“ über alles andere hinweg anzustreben. Dabei nehmen wir den Verzicht auf Rücksicht gegenüber unserer Umwelt und unseren Mitmenschen in Kauf. Rücksicht ist zwar auf der Agenda der erstrebenswerten Eigenschaften vertreten, aber niemals in ökonomischen Zusammenhängen. Wenn es um wirtschaftliche Kreisläufe geht, ist unsere Wahrnehmung extrem eingeschränkt. Wir fokussieren hier auf „Handfestes“ oder wie wir auch gerne sagen auf „harte Währung“. In allen wirtschaftlichen Abhandlungen geht es viel zu oft nur um das Vermehren von Besitz und das Erhöhen von Wachstum. Jegliche menschliche Komponenten werden schlicht nicht erwähnt. Warum nicht? Sind sie nicht essentieller Bestandteil aller Systeme in denen wir leben? Ja, natürlich sind sie das, denn sie sind Teil von uns. Bedürfnisse wie oben beschrieben sind in jedem von uns angelegt. Die Wirtschaftssysteme hebeln sie jedoch aus. Sie lösen Bedürfnisse vom Menschen ab und integrieren sie in ein System, welches nichts Natürliches hat. Geld und seine Wertigkeit sind Produkte der menschlichen Fantasie und existieren in der Realität in keiner greifbaren Form. Es handelt sich um ein vollkommen virtuelles System, welches sich in seiner Virtualität über die manifesten Dinge in unserer Welt hinwegsetzt, obwohl es genau mit diesen operiert. Es nimmt diese aber nicht als solche an, sondern verdreht sie und macht sich Teile zu eigen, die dem Selbsterhalt zuträglich sind. Es sind auch nicht nur die wirtschaftlichen Kreisläufe, die das „Mehr“ als höchsten Wert propagieren. Es wird uns auch in medialer Form immer wieder vor Augen geführt, dass wir diesem Prinzip folgen sollten, um zu bekommen, was wir vermeintlich haben müssen. Alle Casting-Shows im Fernsehen sind Paradebeispiele hierfür. Du bist etwas, wenn Du besser aussiehst, besser singst, besser manipulierst, besser trickst, besser… als alle anderen.

Wir lassen uns empfindlich darauf konditionieren, unsere existenziellen Grundbedürfnisse durch Überfluss und Masse zu befriedigen. Angeblich liegt in diesem Überfluss das Glück verborgen, nach welchem wir uns sehnen. Hier hört das Spiel noch lange nicht auf, denn neben diesen existenziellen Bedürfnissen gibt es noch mindestens ein essentielles Grundbedürfnis und dieses ist von der Manipulation nicht ausgenommen:

Fortsetzung in Teil 2: Freiheit als essentielles Basis-Grundbedürfnis

*Hinweis: Ich habe zum Thema Süchte in Verbindung mit Konsum und Wirtschaft in den vergangenen Jahren verschiedene Theorien und auch Forschungserkenntnisse kennengelernt. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren in einer Dokumentation gesehen zu haben, dass bereits jeglicher Konsum über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinaus unser Suchtzentrum im Hirn ansteuert. Leider habe ich die Dokumentation nicht mehr vorliegen, um sie zu zitieren. Dennoch gibt es viele weitere Abhandlungen über dieses Thema generell. Eckhard Tolle schreibt darüber unter anderen im seinem Werk „Eine neue Erde“. Auch der Film „Zeitgeist: Moving Forward“, welcher frei auf youtube verfügbar ist, beschäftigt sich mit dem Thema Sucht und Konsum, besonders im ersten Drittel. Meine Ausführungen hier sind demnach als Annahmen zu verstehen und bilden nur mein Verständnis von dem ab, was ich wahrnehme. Ich postuliere hier keine wissenschaftlich belegten Erkenntnisse oder behaupte, der Wahrheit letzter Schluss zu schreiben. Alles basiert auf meiner Wahrnehmung und meinem Empfinden.

Fußball-WM & die Vielseitigkeit einer Medaille

Ich gebe es frei zu: Ich bin kein Fußball-Fan. Ich weiß, dass viele Menschen, die in den vergangenen Wochen unserer National-Elf bei der Jagd nach Toren zugeschaut haben, ebenfalls keine Fußball-Fans sind, aber „wenn WM ist, dann schau ich schon ab und zu mal“ sagen, wenn das Thema aufkommt. Ich habe mich, wie eigentlich jedes Mal, wenn ein Ereignis dieser Art ansteht, nahezu vollkommen herausgehalten. Es ist keinesfalls so, dass ich alles verurteile oder für „schlecht“ befinde, was sich im Rahmen einer WM wie dieser ereignet. Urteile solcher Art zu fällen, lege ich mehr und mehr ab und lerne stattdessen die Dinge einfach zu sehen, wie sie sind. Ich sehe das mit den Spielen einer WM ähnlich, wie mit dem Gang in die Kirche nur an Weihnachten… auch den nehme ich nicht vor. Ich gehe ja auch sonst nicht.

Dennoch habe ich teilgenommen an der WM – nur anders: Ich habe mich über jeden spitzen Schrei, über jeden Jubel und jedwede andere feurige Reaktion gefreut, die ich besonders während der Spiele unserer Mannschaft aus der Nachbarschaft oder meiner Umgebung zur Zeit eines Spiels hören konnte. Ich spürte auch innere Freude, als ich bemerkte, dass meine liebe Yogalehrerin Feuer und Flamme für Fußball ist – schon seit ihrer Kindheit, war Fußball immer präsent in Ihrer Familie. Sie erzählte uns, dass sie sehr viel „atmen“ musste, als sie während des ersten Vorrundenspiels unserer Mannschaft unter anderem mich unterrichten „durfte“. Ich freute mich über die nach wie vor vergebenen Versuche meiner Freunde und Bekannten, die teilweise immer noch nicht davon ablassen konnten, mich zu überzeugen, mit ihnen eines der Spiele zu schauen – vergeblich. Ja, viele Momente der vergangenen Wochen habe ich so wahrgenommen und fast immer ein inneres Lächeln gespürt. Die Freude anderer Menschen birgt eine starke und spürbare Energie, die wundervoll ist.

Ich sehe die Zeiten einer WM aber auch unter kritischen Gesichtspunkten…
Die Politik nutzt wie so oft „Zeiten der Ablenkung“ aus, um Gesetze durch die Türen zu schieben, welche in der Bevölkerung eher ungeliebt sind. Themen, die sonst innerhalb der Bevölkerung auf weitaus mehr Kritik und Widerstand stoßen würden wie beispielsweise im Fall „Fracking“. Gezielt und taktisch schon beinahe niederträchtig werden Entscheidungen getroffen, die ob der spannenden Entwicklungen der WM kaum Erwähnung in der täglichen Berichterstattung unserer Informationsmedien finden. Der vielleicht nicht ganz so kritische Bürger bekommt durch seinen Fokus auf dieses nationale Ereignis nicht mit, was beinahe verborgen und heimlich hinter politischen Türen stattfindet. Im Handumdrehen haben wir als Bevölkerung auszubaden, was unsere Volksvertreter mal schnell durchpeitschen, obwohl die Mehrheit von uns eindeutig dagegen ist.
Sicherlich darf auch ein kritisches Auge auf das Gastland der WM – wie auch auf künftige Gastländer – geworfen werden. Ein Land, welches sicherlich schon vieles getan hat, um die Lage für seine Bevölkerung zu verbessern, aber von dem man auch immer wieder einmal hört, dass dort mit harten Bandagen gegen Menschen vorgegangen wird, die dem Erscheinungsbild, welches das Land im Zuge des weltumspannenden Ereignisses gerne nach außen präsentieren möchte, nicht ganz gerecht werden. Selbst wenn man den teilweise haarsträubenden Berichten möglicherweise nur zum Teil Glauben schenken kann, scheint hin und wieder mit nicht gerade humanen Methoden in dieser Hinsicht vorgegangen zu werden. Ich weiß zu berücksichtigen, dass auch hier nicht alles, was social media uns vorsetzt zu 100% als allumfassende Wahrheit gesehen werden darf. Dennoch fällt mir auf, dass im Zuge der WM der kritische-hinterfragende Blick bei ganz vielen Menschen noch weitaus getrübter ist, als im WM-freien Alltag. Wir dürfen es zugeben und uns vor allem selbst bewusst machen. Das Phänomen sportlicher Großveranstaltungen funktioniert fast immer gleich: Der Mensch legt den Fokus einzig auf den „Spaß“ an einem solchen Event und blendet die unschönen Themen, die sich möglicherweise um den Spaß herum platzieren könnten, einfach aus.
Außerdem empfinde ich den medialen Umgang mit dem Phänomen WM ab und an etwas unüberlegt und unbewusst. Eine Freundin teilte mit mir vor wenigen Tagen ihre Gedanken hierzu: Wozu soll es dienlich sein, wenn beispielsweise die Presse einen Torwart damit belagert, dass er ja in der einen oder anderen Situation nicht ganz auf der Höhe gewesen sei und wie er sich das denn im weiteren Verlauf vorstelle – ganz nach dem Motto, dass das ja so nichts werden könne? Ruft dies nicht zwangsläufig in einem Menschen oder sogar der gesamten Mannschaft einen Druck hervor, vor allem unterbewusst? Druck, welcher im Zweifelsfall weiteres Versagen hervorrufen wird? Jeder von uns kennt das schon im Kleinen. Wenn ein Mensch im eigenen Umfeld einen Zweifel säht, kann uns dieser nachhaltig beschäftigen. Davon sind Sportler und andere Personen des öffentlichen Lebens ebenso betroffen. Zweifel und Unsicherheiten bilden einen wunderbaren Nährboden für Ängste, welche das Potenzial eigenen Versagens schüren. Ist hier nicht gerade durch die Medien ein anderer Umgang gefragt? Wäre es nicht sinnvoll, hier viel mehr auf die Stärken einzugehen, Mut zuzusprechen und die Unterstützung der eigenen Mannschaft an erster Stelle zu sehen? Nein, denn leider steht das nicht im Interesse der Medien. Durch das Bohren in den Wunden wird versucht, Aufmerksamkeit zu generieren. Ist das hilfereich? Ist das sinnvoll? Steigert das die allseits so wichtige Quote? Es geht mir nicht darum zu sagen, dass keine Kritik geübt werden darf. Aber Kritik sollte konstruktiv sein und keine Blockaden auslösen. Kritik sollte von Menschen geäußert werden, die auch in der Lage sind, an dieser Stelle entsprechend zu agieren. Kritiken von Seiten der Medien stecken leider immer noch häufig voller Ver- und Beurteilungen und sind damit selten in bestärkender Weise wirksam.
Und wer profitiert noch immens von dieser WM? Die großen Konzerne wieder einmal. Merchandising-Produkte boomen und fast jeder verschleudert mehr oder weniger Geld, um Fahnen, Trikots und sonstige Gimmicks zu erwerben, welche im Zweifelsfall nach vier Wochen auf dem Müll landen, um dann der Umwelt zusätzliche Lasten aufzubürden. Außerdem werden in großer Zahl die so genannten „Public Viewings“ veranstaltet, die in größtem Maße versuchen, so viel Geld umzusetzen, wie irgend möglich. Dass dabei diese Wortkreation an Witz kaum zu übertreffen ist, will ich hier nur am Rande erwähnen, aber es lohnt sich, mit einem „native english speaker“ mal zu erörtern, was „public viewing“ eigentlich heißt. Aber darin sind wir besonders hier in Deutschland ja auch sehr gut – englische Begriffe völlig sinnentfremdet zu adaptieren. Eine liebenswerte Eigenheit unseres Sprachgebrauchs.

Meine Gedanken enden hier jedoch nicht. Ich empfinde mehr, ich fühle noch viel mehr. Wie bei allem gibt es nie nur „schwarz“ und „weiß“, „gut“ und „schlecht“.
Ich sehe fremde Menschen, die an öffentlichen Plätzen zusammen kommen und Ohne Scham voreinander ihre Emotionen zeigen. Es wird gemeinsam geweint, wenn die eigene Mannschaft aus dem Tournier ausscheiden muss oder die Menschen fallen sich in die Arme, wenn ein Tor zu Gunsten des eigenen Landes fällt. Ausgrenzung, Scheu, Zurückhaltung und Scham fallen hier von uns Menschen ab. Wir nehmen unseren Nachbarn in diesen Momenten starker Emotionen einfach als einen Teil von uns wahr. Einen Teil, mit dem wir diesen Moment genießen wollen. Freude und Aufregung fließen von Mensch zu Mensch – Energie durchströmt ungehindert die Körper. Was für ein wundervoller Austausch.
Wenn Momente wie diese uns als Menschheit den Mut finden lassen, unsere Gefühle vor anderen nicht mehr verstecken zu müssen, kann ich nicht glücklicher werden. Wenn wir so lernen, den „anderen“ etwas besser zu verstehen und ihn nicht mehr zu beurteilen, könnte mein Glück nicht größer werden.
Ich sehe Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zur gleichen Zeit mitfiebern und teilhaben an einem kollektiven Moment, der größer fast nicht sein könnte. Wir sind auf eine solch unmittelbare Art eins, wir bleiben eins und es zeigt sich für jeden greifbar das, was ohnehin ein fundamentales Gesetz des Universums ist: Wir alle sind verbunden, wir alle bilden das große Ganze und wir alle können noch so sehr versuchen, uns von diesem großen Ganzen zu trennen – es wird uns nicht gelingen. Und sollten wir als Menschheit diese fundamentale Wahrheit nur begreifen, indem wir alle vier Jahre Ereignisse wie diese feiern, dann darf und muss es genau so geschehen. Selbst wenn diese Events noch so von Schatten dessen bedeckt, was um sie herum geschieht.

Wir Menschen lernen, wir Menschen erfahren und haben damit eine Chance zu begreifen, was wir sind. Also lasst uns gemeinsam weiter danach streben, zu lernen, zu erfahren und zu begreifen, was es heißt, das große Ganze zu sein.