Fußball-WM & die Vielseitigkeit einer Medaille

Ich gebe es frei zu: Ich bin kein Fußball-Fan. Ich weiß, dass viele Menschen, die in den vergangenen Wochen unserer National-Elf bei der Jagd nach Toren zugeschaut haben, ebenfalls keine Fußball-Fans sind, aber „wenn WM ist, dann schau ich schon ab und zu mal“ sagen, wenn das Thema aufkommt. Ich habe mich, wie eigentlich jedes Mal, wenn ein Ereignis dieser Art ansteht, nahezu vollkommen herausgehalten. Es ist keinesfalls so, dass ich alles verurteile oder für „schlecht“ befinde, was sich im Rahmen einer WM wie dieser ereignet. Urteile solcher Art zu fällen, lege ich mehr und mehr ab und lerne stattdessen die Dinge einfach zu sehen, wie sie sind. Ich sehe das mit den Spielen einer WM ähnlich, wie mit dem Gang in die Kirche nur an Weihnachten… auch den nehme ich nicht vor. Ich gehe ja auch sonst nicht.

Dennoch habe ich teilgenommen an der WM – nur anders: Ich habe mich über jeden spitzen Schrei, über jeden Jubel und jedwede andere feurige Reaktion gefreut, die ich besonders während der Spiele unserer Mannschaft aus der Nachbarschaft oder meiner Umgebung zur Zeit eines Spiels hören konnte. Ich spürte auch innere Freude, als ich bemerkte, dass meine liebe Yogalehrerin Feuer und Flamme für Fußball ist – schon seit ihrer Kindheit, war Fußball immer präsent in Ihrer Familie. Sie erzählte uns, dass sie sehr viel „atmen“ musste, als sie während des ersten Vorrundenspiels unserer Mannschaft unter anderem mich unterrichten „durfte“. Ich freute mich über die nach wie vor vergebenen Versuche meiner Freunde und Bekannten, die teilweise immer noch nicht davon ablassen konnten, mich zu überzeugen, mit ihnen eines der Spiele zu schauen – vergeblich. Ja, viele Momente der vergangenen Wochen habe ich so wahrgenommen und fast immer ein inneres Lächeln gespürt. Die Freude anderer Menschen birgt eine starke und spürbare Energie, die wundervoll ist.

Ich sehe die Zeiten einer WM aber auch unter kritischen Gesichtspunkten…
Die Politik nutzt wie so oft „Zeiten der Ablenkung“ aus, um Gesetze durch die Türen zu schieben, welche in der Bevölkerung eher ungeliebt sind. Themen, die sonst innerhalb der Bevölkerung auf weitaus mehr Kritik und Widerstand stoßen würden wie beispielsweise im Fall „Fracking“. Gezielt und taktisch schon beinahe niederträchtig werden Entscheidungen getroffen, die ob der spannenden Entwicklungen der WM kaum Erwähnung in der täglichen Berichterstattung unserer Informationsmedien finden. Der vielleicht nicht ganz so kritische Bürger bekommt durch seinen Fokus auf dieses nationale Ereignis nicht mit, was beinahe verborgen und heimlich hinter politischen Türen stattfindet. Im Handumdrehen haben wir als Bevölkerung auszubaden, was unsere Volksvertreter mal schnell durchpeitschen, obwohl die Mehrheit von uns eindeutig dagegen ist.
Sicherlich darf auch ein kritisches Auge auf das Gastland der WM – wie auch auf künftige Gastländer – geworfen werden. Ein Land, welches sicherlich schon vieles getan hat, um die Lage für seine Bevölkerung zu verbessern, aber von dem man auch immer wieder einmal hört, dass dort mit harten Bandagen gegen Menschen vorgegangen wird, die dem Erscheinungsbild, welches das Land im Zuge des weltumspannenden Ereignisses gerne nach außen präsentieren möchte, nicht ganz gerecht werden. Selbst wenn man den teilweise haarsträubenden Berichten möglicherweise nur zum Teil Glauben schenken kann, scheint hin und wieder mit nicht gerade humanen Methoden in dieser Hinsicht vorgegangen zu werden. Ich weiß zu berücksichtigen, dass auch hier nicht alles, was social media uns vorsetzt zu 100% als allumfassende Wahrheit gesehen werden darf. Dennoch fällt mir auf, dass im Zuge der WM der kritische-hinterfragende Blick bei ganz vielen Menschen noch weitaus getrübter ist, als im WM-freien Alltag. Wir dürfen es zugeben und uns vor allem selbst bewusst machen. Das Phänomen sportlicher Großveranstaltungen funktioniert fast immer gleich: Der Mensch legt den Fokus einzig auf den „Spaß“ an einem solchen Event und blendet die unschönen Themen, die sich möglicherweise um den Spaß herum platzieren könnten, einfach aus.
Außerdem empfinde ich den medialen Umgang mit dem Phänomen WM ab und an etwas unüberlegt und unbewusst. Eine Freundin teilte mit mir vor wenigen Tagen ihre Gedanken hierzu: Wozu soll es dienlich sein, wenn beispielsweise die Presse einen Torwart damit belagert, dass er ja in der einen oder anderen Situation nicht ganz auf der Höhe gewesen sei und wie er sich das denn im weiteren Verlauf vorstelle – ganz nach dem Motto, dass das ja so nichts werden könne? Ruft dies nicht zwangsläufig in einem Menschen oder sogar der gesamten Mannschaft einen Druck hervor, vor allem unterbewusst? Druck, welcher im Zweifelsfall weiteres Versagen hervorrufen wird? Jeder von uns kennt das schon im Kleinen. Wenn ein Mensch im eigenen Umfeld einen Zweifel säht, kann uns dieser nachhaltig beschäftigen. Davon sind Sportler und andere Personen des öffentlichen Lebens ebenso betroffen. Zweifel und Unsicherheiten bilden einen wunderbaren Nährboden für Ängste, welche das Potenzial eigenen Versagens schüren. Ist hier nicht gerade durch die Medien ein anderer Umgang gefragt? Wäre es nicht sinnvoll, hier viel mehr auf die Stärken einzugehen, Mut zuzusprechen und die Unterstützung der eigenen Mannschaft an erster Stelle zu sehen? Nein, denn leider steht das nicht im Interesse der Medien. Durch das Bohren in den Wunden wird versucht, Aufmerksamkeit zu generieren. Ist das hilfereich? Ist das sinnvoll? Steigert das die allseits so wichtige Quote? Es geht mir nicht darum zu sagen, dass keine Kritik geübt werden darf. Aber Kritik sollte konstruktiv sein und keine Blockaden auslösen. Kritik sollte von Menschen geäußert werden, die auch in der Lage sind, an dieser Stelle entsprechend zu agieren. Kritiken von Seiten der Medien stecken leider immer noch häufig voller Ver- und Beurteilungen und sind damit selten in bestärkender Weise wirksam.
Und wer profitiert noch immens von dieser WM? Die großen Konzerne wieder einmal. Merchandising-Produkte boomen und fast jeder verschleudert mehr oder weniger Geld, um Fahnen, Trikots und sonstige Gimmicks zu erwerben, welche im Zweifelsfall nach vier Wochen auf dem Müll landen, um dann der Umwelt zusätzliche Lasten aufzubürden. Außerdem werden in großer Zahl die so genannten „Public Viewings“ veranstaltet, die in größtem Maße versuchen, so viel Geld umzusetzen, wie irgend möglich. Dass dabei diese Wortkreation an Witz kaum zu übertreffen ist, will ich hier nur am Rande erwähnen, aber es lohnt sich, mit einem „native english speaker“ mal zu erörtern, was „public viewing“ eigentlich heißt. Aber darin sind wir besonders hier in Deutschland ja auch sehr gut – englische Begriffe völlig sinnentfremdet zu adaptieren. Eine liebenswerte Eigenheit unseres Sprachgebrauchs.

Meine Gedanken enden hier jedoch nicht. Ich empfinde mehr, ich fühle noch viel mehr. Wie bei allem gibt es nie nur „schwarz“ und „weiß“, „gut“ und „schlecht“.
Ich sehe fremde Menschen, die an öffentlichen Plätzen zusammen kommen und Ohne Scham voreinander ihre Emotionen zeigen. Es wird gemeinsam geweint, wenn die eigene Mannschaft aus dem Tournier ausscheiden muss oder die Menschen fallen sich in die Arme, wenn ein Tor zu Gunsten des eigenen Landes fällt. Ausgrenzung, Scheu, Zurückhaltung und Scham fallen hier von uns Menschen ab. Wir nehmen unseren Nachbarn in diesen Momenten starker Emotionen einfach als einen Teil von uns wahr. Einen Teil, mit dem wir diesen Moment genießen wollen. Freude und Aufregung fließen von Mensch zu Mensch – Energie durchströmt ungehindert die Körper. Was für ein wundervoller Austausch.
Wenn Momente wie diese uns als Menschheit den Mut finden lassen, unsere Gefühle vor anderen nicht mehr verstecken zu müssen, kann ich nicht glücklicher werden. Wenn wir so lernen, den „anderen“ etwas besser zu verstehen und ihn nicht mehr zu beurteilen, könnte mein Glück nicht größer werden.
Ich sehe Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zur gleichen Zeit mitfiebern und teilhaben an einem kollektiven Moment, der größer fast nicht sein könnte. Wir sind auf eine solch unmittelbare Art eins, wir bleiben eins und es zeigt sich für jeden greifbar das, was ohnehin ein fundamentales Gesetz des Universums ist: Wir alle sind verbunden, wir alle bilden das große Ganze und wir alle können noch so sehr versuchen, uns von diesem großen Ganzen zu trennen – es wird uns nicht gelingen. Und sollten wir als Menschheit diese fundamentale Wahrheit nur begreifen, indem wir alle vier Jahre Ereignisse wie diese feiern, dann darf und muss es genau so geschehen. Selbst wenn diese Events noch so von Schatten dessen bedeckt, was um sie herum geschieht.

Wir Menschen lernen, wir Menschen erfahren und haben damit eine Chance zu begreifen, was wir sind. Also lasst uns gemeinsam weiter danach streben, zu lernen, zu erfahren und zu begreifen, was es heißt, das große Ganze zu sein.

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