Gefangen in einer freien Welt – Teil 4: Unsere eigenen Kerker

Im Prinzip bauen sich also viele von uns ein eigenes kleines Gefängnis. Wir legen uns Fesseln an, manche von uns knebeln sich sogar, ohne dass es einen Grund dafür gäbe. Doch wir tun es. In dem Glauben, nach Höherem zu streben, doch das Höhere ist so viel näher. Es ist nicht im Außen zu finden, nur und ausschließlich in uns. Wir sind das Höhere, sind Teil dessen, wir könnten gar nichts anderes sein, als ein Teil des großen Ganzen.

Immer wieder gelingt es Menschen, aus diesen Gefängnissen auszubrechen und zu bemerken, dass sie sich in Zwänge begeben haben und Süchten folgen, die ihnen und auch ihrer Umwelt nicht gut tun. Dies geschieht dann oft unter Schmerzen oder harten Kämpfen mit Urängsten und Urtraumen, welche wir tief in uns tragen – alle basierend auf unseren vielen Prägungsmustern. Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefangenschaft zu erkennen? Immerhin strebt jeder Mensch nach Freiheit. Doch merken nur wenige, wie ihr Verhalten ihnen selbst Fesseln anlegt.
Vielleicht weil wir Freiheit damit definieren, die „freie Wahl“ zu haben, so viel zu konsumieren, wie unser Geldbeutel hergibt. Nur wenn der Geldbeutel leer ist, kann nicht mehr konsumiert werden. Fakt ist, JEDER Geldbeutel ist irgendwann einmal leer und dann folgt auch nur noch Leere. Eine Leere, die jeder Drogensüchtige auf Entzug sicherlich bestens beschreiben könnte. Außerdem baut diese „Freiheit“ auf dem Leid anderer Menschen, Tiere, ja der gesamten planetaren Umwelt auf. Wie kann das wahre Freiheit bedeuten?
Wir alle gehen unsere Gefangenschaften aus eigener Initiative selber ein. Niemand zwingt uns dazu, wenn überhaupt lassen wir uns durch äußere Umstände zwingen. Dennoch liegt die finale Entscheidung bei uns. Das macht den großen Unterschied zu Menschen, die beispielsweise in den armen Ländern der Welt geboren werden. Diese Menschen arrangieren sich mit ihrer Lebenssituation. Natürlich streben auch sie nach mehr, aber dieses „Mehr“ bezieht sich zunächst auf die Dinge, die glücklich machen: ausreichend Nahrung, ausreichend Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Diese Menschen erreichen häufig eine größere Freiheit als wir, denn sie investieren ihre gesamte Kraft in das Erfüllen ihrer Grundbedürfnisse, ganz selbstverständlich. Sie sind nicht gefangen, denn sie streben dabei in jeder Sekunde nach vollkommener Freiheit.
Wir, die wir nach Geld und materieller Masse streben, streben in jeder Sekunde nur danach, noch süchtiger zu werden, sofern wir nicht das Bewusstsein darüber erlangen. Das gelingt uns meistens nicht, denn wir sitzen nicht wahrlich in einem lichtfreien Kerker. Das wäre einfach. In einem solchen Kerker herrscht Dunkelheit, Kälte, Feuchtigkeit. Wenn sich dann aber durch eine Form des Bewusstwerdens auch nur ein kleiner Spalt in der Kerkertür zeigt, würden wir sofort erkennen, dass wir aus etwas ausbrechen können, weil dahinter etwas anderes ist. Das Licht würde durch diesen kleinen Spalt eindringen und uns unmittelbar zeigen, dass es etwas dahinter gibt. Es gibt Menschen, die sitzen in solchen Kerkern und irgendwann in ihrem Leben geschieht etwas, dass die Tür ein klein wenig öffnet. Sie nehmen den Lichtschein wahr und erkennen sofort, dass es draußen anders ist. Heller, luftiger, frischer und schöner. Sie können ab diesem Moment der Erkenntnis alle Kraft daran setzen, und sei sie noch gering, den Spalt zu vergrößern und die Risse auszuweiten, damit das Konstrukt ihres Kerkers zusammenbricht.

Die meisten von uns haben sich aber keinen Kerker gebaut, sondern etwas, dass beinahe noch schlimmer ist. Es ist weniger deutlich erkennbar, kaum mit unseren Sinnen wahrnehmbar. Sie sitzen in Käfigen. Wie Vögel leben wir in Käfigen mit dünnen, beinahe kaum sichtbaren, jedoch massiven und unbiegsamen Gittern. Es fällt wunderbar viel Sonnenlicht durch die Gitterstäbe, wir spüren die Wärme, sogar die Geborgenheit und vergessen, dass uns durch die Gitterstäbe versagt bleibt, unsere Flügel – unser wahres Potenzial – auszubreiten. Die Gitter sind auch noch so weit auseinander, dass wir sogar die Arme herausstrecken können und so noch stärker die Illusion von Freiheit gewinnen. Wir berühren die Freiheit um uns herum, wir können sie auch riechen und sehen. „Da ist sie doch, ich sehe sie direkt vor mir, ich spüre sie an meinen Händen, ich rieche, schmecke und höre sie sogar… ich habe sie doch schon.“ Ja, diese Illusion ist für uns leicht zugänglich, denn die Gitterstäbe sind erwachsen aus Zerstreuungen, geboren aus Süchten. Süchte, die viele von uns mehr oder weniger miteinander teilen. Kollektive, gesellschaftliche Süchte, die wir gemeinsam verteidigen, weil sie das einzige sind, dass unsere gemeinschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten scheint.

Wer die Freiheit nie gesehen hat, weil er in einem Kerker sitzt, der erkennt sie sofort, wenn sie sich ihm offenbart. Er wird ausbrechen wollen und seinen neuen Pfad leichter erkennen.
Wer aber die Freiheit ständig vor Augen hat, sie mit allen Sinnen wahrnehmen kann, auch ohne sie in sich zu tragen, der sieht sein Gefängnis – seinen Käfig – nicht. Ein Käfig, der Schutz zu versprechen scheint, aber eigentlich nur Ausgrenzungen und Einschränkungen zulässt.

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