Trauer und Tod – Nichts verlässt uns wirklich

Auf ganz unterschiedlichen Wegen begegnete mir das Thema „Tod“ in den vergangenen Wochen immer wieder. Nicht in meinem direkten familiären Umfeld, auch nicht im Kreise meiner Freunde, Bekannten und Kollegen, so dass ich selbst betroffen wäre. Es begegnen mir aber in meinem Umfeld derzeit Menschen, die selber gerade mit dem Tod auf die eine oder andere Weise konfrontiert sind. Einige haben enge Angehörige verloren, andere einen langjährigen tierischen Begleiter. Nachdem ich diesen Text bereits angefangen hatte, erfuhr ich die traurige Nachricht über einen Selbstmord in meiner direkten Nachbarschaft… So ist der Tod mir gerade sehr gegenwärtig…

In jedem dieser Fälle spüre ich die tiefe Trauer in den Herzen der betroffenen Menschen. Sie haben selbstverständlich das Gefühl eines Verlustes und scheuen die Veränderung, welche durch das beendete Leben auch ihr Leben aus den Bahnen zu werfen scheint. Wichtig in diesen Momenten sind das eigene Verständnis von Trauer und auch die Arbeit damit. Wie jedes Verlustgefühl scheint es uns sehr stark zu lähmen. Viele von uns sind in Momenten solcher Trauer nicht in der Lage, alltägliche Dinge zu vollziehen. Sie ziehen sich zurück in ihre kleine Welt, in welcher sie versuchen, das geliebte Wesen zu halten. Nichts soll weggehen, alles soll wieder so sein, wie noch wenige Tage zuvor. So lautet oft der größte Wunsch im Herzen. Dieser Rückzug stärkt aber das Trauergefühl oftmals in ein unermesslich hohes und leider auch unnötig starkes Maß. Die Trauer wird zum Antrieb des Tages. Sie ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Für eine gewisse Zeit ist dies ganz normal, aber wenn wir versäumen, das Gefühl anzunehmen und auch wieder gehen zu lassen, wird es zu einem festen Begleiter in unserem Leben und dieser wird uns immer wieder daran hindern, wirklich zu leben.
Andere trauernde Menschen gehen einen beinahe gegenteiligen Weg. Sie stürzen sich geradezu in Aufgaben. Sie nehmen besonders viel Arbeit auf sich und ersticken ihre Gefühle der Trauer in beinahe ungezieltem Aktionismus. In ihrem Beruf nehmen sie viele Projekte und Aufgaben an. Das langgeplante Gartenhaus wird zur Priorität Nummer 1. Alte Hobbies gewinnen plötzlich an zunehmender Wichtigkeit im Alltag. Freunde werden vereinnahmt, um jeden Abend nach der Arbeit auch bloß immer eine Beschäftigung zu haben. Feiern, Kino, Essen gehen, alles tun, um nur nicht mit der Trauer allein zu sein. In diesen Strategien, die rein der Verdrängung des Schmerzes dienen, findet sich leider auch längerfristig kaum Heilung. Der Schmerz wird nie zugelassen, nie angeschaut und auch nie als das Verstanden, was er eigentlich ist. Ein Teil unseres Selbst, welcher mit diesem Gefühl von Verlust eigentlich Frieden schließen soll. Indem wir den Schmerz verdrängen, fällt es uns noch schwerer, den verlorenen Menschen friedvoll loszulassen und uns gewiss zu werden, was der Tod überhaupt bedeutet.

Besonders schwer fällt es den Hinterbliebenen, wenn ein ihnen nahestehender Mensch sein Schicksal in die eigene Hand genommen hat, um sich das Leben zu nehmen. Schneidende Vorwürfe entstehen in den Gedanken, die immer wieder die Frage aufrufen, was man hätte anders machen können, um diese Tat zu verhindern. Wie man es hätte erkennen können, dass dieser Mensch so sehr leidet und keinen anderen Ausweg mehr wusste. Leider sind diese Fragen und Vorwürfe nicht heilend, sondern eher behindernd und je nach dem, wie lange sich der Betroffene damit quält, können sie sogar eine destruktive Natur annehmen. Sie halten uns fest an einem Moment, der längst vergangen ist. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, um etwas „anders“ zu tun oder um besser zu erkennen, wie es dem anderen erging. Kreisende Gedanken wie diese halten uns in der Vergangenheit und so können wir die Gegenwart nicht erleben. Doch nur in der Gegenwart liegt die Heilung vom Schmerz des Verlustes – wir haben nur die Gegenwart, den jetzigen Moment. Doch dies erkennen wir manchmal nicht, wenn wir den Tod so nah bei uns haben.

Als ich das letzte Mal mit dem Tod konfrontiert worden bin, habe ich natürlich weinen müssen und ich wusste auch, dass ich den geliebten Menschen nicht mehr sehen würde. Gespräche, Berührungen, jeglicher Austausch – all diese wundervollen Dinge würden sich nicht mehr für mich wiederholen lassen. Nicht mit diesem Menschen. Das Gefühl war überwältigend und hat sehr wehgetan. Ich habe irgendwann wahrgenommen, dass ich hier sehr stark an meinem eigenen „haben wollen“ gehangen habe. Wie ich schon oft angemerkt habe, ist jeder Verlust zunächst ein Gefühl, welches aus dem Ego entspringt, welches möchte, dass wir alles behalten, was wir haben etc. Und ja, es fällt uns dann schwer, los zu lassen. Im Prozess dieses Trauerns habe ich bald erkannt, dass dieser Mensch nicht mehr in meiner Gegenwart sein kann, da der Körper nicht mehr weiter existieren kann. Die Energie hatte ihn ja bereits verlassen. Jedoch ist diese Energie nicht verloren.
Ich hatte aus den wundervollen BBC-Dokumentationen „Wonders of Life“, „Wonders of the Universe“ und „Wonders of the Solar System“ Dinge gelernt, die mir zu diesem Verständnis sogar aus einer wissenschaftlichen Sicht verhalfen: Dort wurde erklärt, dass eines der naturwissenschaftlichen „Grundgesetze“ lautet, dass es eine endliche Menge Energie im Universum gibt. Teile dieser endlichen Menge wird immer dort weggenommen, wo sie nicht mehr benötigt werden, um dann dort eingesetzt zu werden, wo sie gerade gebraucht werden. Außerdem bedeutet „Leben“, dass Energie in verschiedensten Prozessen innerhalb eines „lebenden“ Organismus ausgetauscht wird und wenn der Energieaustausch darin vollkommen zum Erliegen kommt, stirbt der Körper. Nur muss diese Energie dann ja irgendwohin – eben dorthin, wo sie gebraucht wird. Energie wird nicht nur gebraucht, um Organismen am Leben zu erhalten, sondern auch, damit die Sonne Wärme abgeben kann oder Wasser zu Wolken verdunstet und so weiter.
Die wundervolle Erkenntnis daraus war für mich, dass diese Seele – die Energie – des von mir gegangenen Menschen nun irgendwo hin gegangen war, wo sie gebraucht wurde. Das war ein ganz feiner Gedanke. Ich konnte einen großen Teil meiner Trauer bereits damit gehen lassen. Ich wusste, dass der Tod Veränderung mit sich brachte. Aber ich verstand nun auch, dass die Veränderung nicht ganz so gravierend und endgültig war, wie ich sie vorher empfunden hatte.

Jedes Mal, wenn der Regen an meine Fenster prasselte, habe ich einen Teil des geliebten Menschen gespürt. In Form der Energie, die freigesetzt und verbraucht wird, wenn Wasser zu Wolken verdunstet, um dann wieder als Regen zur Erde zu fallen.
In jedem Windhauch, der die Blätter der Bäume zum Rauschen bringt…
In jedem Lachen eines kleinen Kindes beim Spielen im Garten…
Durch jeden Sonnenstrahl, der an Sommertagen meine Haut und meinen Körper wärmst…
Beim Bellen eines Hundes, beim Flügelschlag eines Vogels, beim Wachsen einer Pflanze…
Wer auch immer von Dir gegangen ist, wird niemals ganz von Dir fortgegangen sein. Die Form hat sich verändert, die Gewohnheit ist damit gegangen, aber die Seele die einfach nur den Körper verlassen hat, wird niemals fort sein. Du kannst sie sehen, Du kannst sie fühlen, Du kannst sie hören und riechen, manchmal sogar schmecken. In allem, das Dich umgibt. In jedem Herzschlag eines Menschen, den Du umarmst kannst Du den Funken spüren. Wir alle sind eins und kommen und gehen in diesen Körpern auf eine Reise, um uns und andere zu erfahren. Nichts verlässt uns wirklich, alles ist stets bei uns – in steter Veränderung.

Ich wünsche allen Menschen, dass sie die Kraft und ihren Weg finden, mit dem Verlust durch den Tod Frieden zu schließen. Mit meinem Herzen bin ich bei Euch allen!

 

Anmerkung: Ich habe für mich eine Antwort auf viele Fragen – beispielsweise warum es Selbstmord überhaupt gibt – in den Worten von Neale Donald Walsh in seinen Büchern „Gespräche mit Gott“ gefunden. Er schreibt auf eine für mich plausible und verständliche Art, warum die Seelen, die wir wirklich sind, in unseren menschlichen Körpern solche Erfahrungen machen. Da wir alle eins sind, vollkommen verbunden und das in perfekter energetischer Art, können wir nicht genau wissen, wer wir sind. Denn es gibt nur das EINE und ohne die Referenz des ANDEREN, können wir nicht wirklich erleben und begreifen, was und wer wir sind. Also gehen wir in Form einer Seele in einen körperlichen Zustand und sehen wir uns in dieser Form immer wieder diversen Erfahrungen und Erlebnissen ausgesetzt. So erkennen wir, was und wer wir sind, beziehungsweise was und wer wir nicht sind.
Es wird vielen schwer fallen, ohne weitere Erläuterungen genau nachzuvollziehen, was Walsh genau damit sagen möchte. Doch dies lässt sich in seinen Büchern wunderbar nachvollziehen.
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Ein Kommentar zu “Trauer und Tod – Nichts verlässt uns wirklich

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