Gerüchte und der gute Ruf

Ich glaube, dass in den Gesellschaftsformen, durch die die westlichen Nationen geprägt sind, schon so mancher von uns der einen oder anderen Verleumdung, der üblen Nachrede oder zumindest einem unschönen Gerücht ausgesetzt war, welches in der einen oder anderen Form zu unangenehmen Erlebnissen geführt haben könnte.

Es kann die Putzkraft sein, von der behauptet wird, sie habe ein wertvolles Schmuckstück gestohlen. In der Regel sind sie uns lieb und teuer, unsere Putzfrauen, denn sie geben uns die Freiheit, dass wir nicht selber unsere eigenen vier Wände von Grund auf säubern müssen. Oftmals haben sie einen Schlüssel zu unserer Wohnung und können ohne unser Beisein ein- und ausgehen. Fehlt dann eines Tages ein wertvolles Stück aus unserem Besitz, liegt die Vermutung nahe, dass es in die Tasche unseres Reinigungspersonals gewandert ist. Viel zu schnell machen wir in düsteren Vermutungen aus einem Vertrauten einen Dieb. Zumal wir selten sicher sein können, ob nicht doch beim letzten geselligen Abend, als wir eine Handvoll Freunde eingeladen hatten, einer unserer Gäste lange Finger gemacht hat und damit unwissentlich die Schuld unserer Haushaltshilfe zuschob.
Allzu schnell urteilen wir in solchen Situationen gerne, denn unseren Freunden trauen wir dies nicht zu, unserer Putzfrau schon eher. Außerdem wägen wir ab, welcher Diebstahl wohl risikobehafteter sein könnte, dabei erwischt zu werden. Und mal ehrlich, würdest Du Dich trauen, bei einem Deiner Freunde aus der Wohnung etwas zu entwenden, wenn der ganze Bekanntenkreis anwesend ist und jederzeit jemand Zeuge Deiner Aktion werden könnte? Natürlich nicht, es MUSS also die Putzfrau gewesen sein…
Nicht dass ich hier behaupten will, alle meine Leserinnen und Leser, mich eingeschlossen, hätten das kriminelle Potenzial, dies überhaupt in Erwägung zu ziehen. Wie so oft in meinen gedanklichen Niederschriften zeige ich Beispiele auf, um zu verdeutlichen.

Es sind aber nicht nur Anschuldigungen dieser Art, die uns in unserem Leben mit Situationen konfrontieren, die uns unser Handeln erschweren. Manchmal sind es die kleinen und feinen Lästereien auf dem Flur im Büro, wenn wir uns ein etwas gewagtes oder kostspieliges Outfit zugelegt haben. Manch einer neidet uns dann unsere gute Figur oder auch das Einkommen, mit dem wir uns solch eine Extravaganz leisten können. Und dann geht sie auch schon los, die Tuschelei. Von Tür zu Tür, von Kollege zu Kollegin wird das Gerücht oftmals nicht schwächer, sondern am Ende der Kette wurde aus der Mücke ein Elefant und wenn es ganz schlecht läuft erfährt auch die Geschäftsführung von den unmoralischen Machenschaften mithilfe derer wir ganze Wandschränke voller Designerkleidung erschlichen haben bzw. werden wir zu einer traurige Geschichte eines magersüchtigen Modefreaks.

Es nimmt aber auch hier kein Ende, denn Verlust (egal welcher Art) und Neid sind nur zwei Versionen dessen, was uns gerüchtehaft übergestülpt werden kann. Möglicherweise haben wir uns auch einmal darauf eingelassen, eine illegale Substanz zwecks Berauschung zu uns zu nehmen und jemand der uns kennt hat es mitbekommen und macht uns in kürzester Zeit zu einem gefährlichen, drogenverkaufenden Unmenschen, vor dem alle Kinder geschützt werden sollten.

Eine Frisörin hat einen Job nicht bekommen, weil eine potenzielle Kollegin ihrem Chef gesteckt hat, dass die Bewerberin einen roten Ausschlag an der Hand hatte, die doch ein klares Zeichen für Allergien sei und eine allergiegetrafte Kollegin kann sich der Betrieb nun wirklich nicht leisten. Letztlich hatte die Dame vielleicht nur Hektikflecken durch die Aufregung, ein Vorstellungsgespräch führen zu müssen.
Ein vielseitig aktiver Musiker mit verschiedensten Projekten und Engagements trennt sich nach Jahren von einer Band, mit der er einen Teil seiner Arbeiten verrichtet hat. Ihm sind die vielen verschiedenen Projekte zu viel geworden und er bemerkt, dass es ihm nicht gut tut, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen. Wenige Wochen später heißt es in der Kleinstadt, in der er lebt, er sei sterbenskrank und habe daher seinen Beruf aufgeben müssen.

In einer Partnerschaft begeht einer einen Fehltritt und lässt sich zu einem One Night Stand hinreißen und gesteht dies hinterher dem Partner. Man geht getrennte Wege und der Groll oder die Verletzung ist groß. Nun stellt der Arzt des „Betrogenen“ plötzlich bei der nächsten Untersuchung eine Syphilisinfektion fest. Das kann doch nur durch den Fehltritt des Ex gekommen sein. Gleich wenn der „Betrogene“ selbst kein Kind von Traurigkeit gewesen sein mag, ist es doch an dieser Stelle viel leichter, den anderen in die Verantwortung zu nehmen, als zu hinterfragen, ob das eigene Verhalten vielleicht Schuld daran gewesen ist. Noch gravierender ist es wohl, wenn sie jemand plötzlich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, einen Ex-Partner mit einer nur schwer oder gar unheilbaren Krankheit angesteckt zu haben, als da wären Hepatitis C oder HIV. Gut, wenn dann nachweislich keine Infektion beim Beschuldigten besteht, aber wer fragt den „Verrufenen“ schon danach, wenn ein solches Gerücht erstmal kursiert?

Leider steht oftmals nicht derjenige im Kreuzfeuer des sozialen Umfelds, der ein (falsches) Gerücht in Umlauf bringt, sondern derjenige, dem ein entsprechender Ruf übergestülpt worden ist. Nicht nur, dass in der Regel dieser Mensch in der Schuld steht zu beweisen, dass sein Ruf nicht korrekt ist. Im Allgemeinen bekommt er nicht einmal die Chance dazu. Nun stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen können, wenn wir „Opfer“ eines Gerüchts werden und bemerken, dass uns etwas nachgesagt wird, dass wir nicht getan haben.

Wie bei all den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens haben wir die Möglichkeit, eben genau das zu bleiben: ein Opfer. Wir klagen unseren Vertrauen unser Leid über diese unangenehme Situation und lassen so meist keinen Lösungsansatz zu, der die Situation klären könnte. Wir trauern unserem „guten Ruf“ hinterher, geben die Schuld dem Menschen, der uns verleumdet hat und katapultieren uns so in einen passiven Zustand, welcher jegliche Verantwortung über uns selbst an das außen abgibt bzw. an den Architekten des Gerüchts. Damit werden wir handlungsunfähig und die Situation wird sich nicht lösen.
Wir können aus der Opferrolle heraustreten und zum Angriff übergehen, was dann auch gerne in einer direkten Konfrontation resultiert. Ein Wort gibt das andere, möglicherweise endet man vor Gericht, jedoch wird selten eine befriedigende Lösung gefunden. Fronten verhärten sich, die Schuld wird hin und her geschoben. Geholfen ist uns damit nicht und wir wenden dabei sehr viel Energie auf, die ohne große Wirkung zu erzielen verpufft.

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die ein wenig innere Ruhe benötigt. Wir können das Gerücht auf uns wirken lassen, wenn es uns auf ungewöhnlichen Wegen begegnet. Wir können versuchen herauszufinden, wo genau das Gerücht seinen Ursprung hat und können schauen, was wir erkennen, wenn wir in den Menschen blicken, der uns durch sein Gerücht in diese Situation gebracht hat. Ich habe schon oft geschrieben, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind. So sind wir es auch mit diesem Menschen und daher können wir ihn auf mehreren Ebenen wahrnehmen. Wir können schauen, was über uns selbst wir in ihm erkennen und sehen können. Es mögen Dinge sein, die wir vor Jahren abgelegt haben, aber auch Dinge, die wir vielleicht noch selbst im Unterbewusstsein mit uns herum tragen.
Manchmal hat dieser Mensch sich seine eigene Wahrheit erschaffen, an die er sogar fest glaubt und rechnet gar nicht damit, dass das, was er gesagt hat, faktisch falsch ist. Wenn wir ihm mit offener Feindseligkeit begegnen, wird das den Konflikt und die Kluft nur größer machen. Wir sollten diesem Menschen einen gewissen Raum geben, wenn wir ihn damit konfrontieren, dass wir wissen, dass er über uns eine Unwahrheit verbreitet hat. Wir werden nie die Garantie bekommen, dass daraufhin das Gerücht bei allen, die ihm gewahr geworden sind, bereinigt und klargestellt wird. Wir können lediglich versuchen, diesen Menschen durch unser ausgeglichenes Verhalten dazu zu bringen, seine Äußerungen zu unterlassen.

Je mehr wir dabei den anderen als Teil von uns erkennen, umso leichter wird uns das fallen. Dies ist jedoch mitunter eine schwere Aufgabe, da wir hierzu uns selbst innewohnende Eigenschaften wahrnehmen müssen. Diese zeichnen manchmal ein Bild von uns selbst, das wir nicht ganz so gern mögen. Wer schaut sich schon gerne seine eigenen Unzulänglichkeiten an?

Wir ertappen uns möglicherweise dabei, dass wir selbst einmal leichtfertig über eine andere Person geurteilt haben. Vielleicht haben wir dieses Urteil auch verbreitet und somit selber ein Gerücht gestreut. Vielleicht haben wir der gerüchtestreuenden Person gegenüber jahrelang eine Verpflichtungsgefühl empfunden und dieser Vorfall macht uns ganz deutlich, dass es längst an der Zeit ist, uns aus dieser Bindung zu lösen.

In allem, das uns begegnet stecken unendliche viele Möglichkeiten. Jedes Ereignis kann uns ein Spiegel sein, ein Wegweiser und ein Ratschlag für unseren weiteren Weg. Es hilft uns nur wenig, wenn wir stattdessen in eine Starre verfallen oder auf Kriegsfuß mit einem anderen Menschen gehen, denn dieser ist nicht besser oder schlechter, als wir es selbst sind. Ich rate nicht davon ab, wenn möglich die Situation zu klären und zu „beweisen“, dass Unwahrheiten verbreitet worden sind, jedoch waren Rache und Vergeltung noch nie gute Weggefährten, da aus ihnen auch wieder nur Rache, Vergeltung, Schmerz und Leid erwachsen können.

Kannst Du Dich selbst in dem Menschen, der schlecht über Dich geredet hat erkennen? Dann kannst Du ihn genauso lieben und annehmen, wie Dich selbst und das wird Dir helfen, Dich selber besser zu verstehen, zu erkennen und zu erfahren.

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