Auf dem Biomarkt

Ein feines Erlebnis hatte ich heute. Sehr oft an den Samstag Vormittagen gehe ich morgens in mein Fitnessstudio zum Yoga. So auch heute. Auf dem Rückweg bietet es sich dann immer an, einige der Wochenendeinkäufe direkt auf dem Biomarkt am Rudolfplatz zu machen, welcher dort immer mittwochs und samstags aufgebaut ist. Mein Sportstudio liegt nur wenige Meter davon entfernt und so lässt sich beides wunderbar kombinieren. Die Tatsache, dass durch die Yogapraxis sowieso schon eine große innere Balance hergestellt ist, hilft mir dann auch, den doch manchmal etwas überschäumenden Trubel, entstehend durch viele andere Einkäufer, mit sehr viel Gelassenheit zu begegnen.

So entkettete ich also in beinahe traditioneller Weise mein Fahrrad vom Fahrradständer gegenüber des Studios und radelte die wenigen Meter zum Biomarkt. Brav und ordentlich stellte ich mich in die hintere Reihe der wartenden Kunden, mein Fahrrad direkt neben mir. Es ist ein Mountainbike und hat keinen Fahrradständer, weshalb ich es zum einen immer mit an den Stand nehme. Zum anderen empfinde ich es auch als umständlich, es extra für die paar Minuten am Rand des Marktplatzes anzuketten und es einfach so abzustellen kommt für mich nicht in Frage, da mir ja bereits ein angekettetes Fahrrad ladenfrisch nach nicht mal 48 Stunden „abhandengekommen“ war und ein anderer sich unglaublich über sein neues, kostenloses Fahrrad gefreut haben wird.

Wie dem auch sein, vor mir war eine Frau an der Reihe, welche sehr aufgewühlt und zerstreut schien, aber es machte auch irgendwie Spaß, denn voller Elan genoss sie den Einkauf der frischen Obst- und Gemüsewaren. Eine andere Frau ging an mir vorbei und reihte sich ein. Ich hielt immer noch mein Fahrrad fest. Sie tat einen Schritt zurück und stieß ganz sachte ans Vorderrad. Einen kurzen Moment drehte sie sich um und ich dachte zuerst, sie wolle schauen, ob sie vielleicht einen anderen Kunden gestupst habe oder ähnliches, schaute mich dann aber eher ein wenig verächtlich an – reine Interpretation des Ausdrucks in ihrem Gesicht meinerseits. Ich lächelte sie an, um Ihr zu signalisieren, dass ich ihr nicht böse war, dass sie gestupst hatte. Sie drehte ihren Kopf aber ohne eine Miene zu verziehen wieder Richtung Standverkäufer. In diesem Moment hätte ich schon ahnen können, dass etwas passiert, auch wenn es gar nicht mit dieser Frau im Zusammenhang steht, zumindest nicht sofern ich es beurteilen kann. Aber irgendwie war da schon diese missmutige Energie in der Luft.

Ein paar Momente später war es soweit und ich war an der Reihe. Am Stand war nicht mehr so viel los wie vorher, hatten sich doch hinter mir kaum noch Menschen angestellt. So lehnte ich mein Fahrrad an den Verkaufsstand und gab an den Händler meine kleine Liste an benötigten Lebensmitteln weiter, während ich meinen Rucksack abnahm, die Handschuhe auszog und schon einmal das Geld aus dem Rucksack kramte. Ich bezahlte meine Waren, bekam eine kleine Tüte und das Wechselgeld herübergereicht und hatte logistisch ein paar Schwierigkeiten, dies mit Handschuhen und Rucksack, sowie dem anlehnenden Rad zu koordinieren.

Da ich jedoch einfach in mir ruhte, habe ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern ganz in Ruhe den Einkauf im Rucksack, das Wechselgeld im Portmonee verstaut, dabei dem Händler noch ein schönes Wochenende und besinnliche Feiertage gewünscht und so weiter. Während dessen hatte aber ein Kollege des Händlers schon angefangen, einen anderen Herrn zu bedienen. Ich spürte ihn quasi auch hinter mir und dass er dort, wo ich stand ganz gerne etwas vom Stand nehmen wollte. Es war ein Broccoli wie sich zeigte, denn obwohl ich weder eine Hand frei hatte, noch ich ansatzweise mit dem zusammenpacken fertig war, versuchte ich dennoch, ein wenig zu rücken und Platz zu machen.

Als ich dann beinahe fertig war, drehte sich der Herr zu mir um und meinte, ich sei sowas von außerordentlich unhöflich, mein Rad mit an den Stand zu nehmen. Auf dem ganzen Marktplatz sei wohl genug Platz. Er würde ja auch nicht mit einem LKW vor den Supermarkt vorfahren.
Ich habe daraufhin erwidert, dass ich verstünde, was er mir sagen wolle, dass die Situation nun aber nicht zu ändern sei. Ich hatte ja die Hände noch voll und hätte weder das Rad umfangreicher bewegen können, noch hätte es Sinn gehabt dies zu tun, da ich ja in dem Moment, in welchem meine Hände wieder andere Dinge greifen konnten, sowieso das Feld geräumt hätte. Also sagte ich ihm noch, dass ich ihm natürlich zugestehe, sich über diese Situation zu ärgern und dass es leider nicht möglich sei, es allen anderen in der Umgebung stets recht zu machen und dass davon mal abgesehen dies auch gar nicht notwendig sei.
Es ist vielleicht noch angebracht zu erwähnen, dass ich dies mit völlig ruhiger Stimme tat, bezogen sowohl auf Lautstärke wie auch auf Intonation. Dies gefiel dem Herrn offenbar gar nicht, denn er bezichtigte mich des Zynismus und dass ich den doch an anderer Stelle anbringen möge. Ich sagte ihm daraufhin, dass das ich das nicht zynisch gemeint habe – oh ha, das sah er aber anders – und er mich offenbar falsch verstanden habe. Leider ließ er mich nicht wirklich ausreden und drehte sich Richtung Verkäufer. Dennoch gab ich ihm noch mit auf den Weg, dass ich eigentlich sagen wollte, dass es ihm natürlich jederzeit und an jedem Ort zustünde, seine Wahrheit und die damit verbundenen Emotionen haben zu dürfen – mehr in dem Sinne, dass ich es einfach großartig empfand, dass sowohl er als auch ich in diesem Moment wieder eine Chance auf neue Erkenntnisse und Offenbarungen des Lebens bekamen. Immerhin ist das der einzige für mich plausible Grund, WARUM wir solche Situationen unterschiedlich empfinden und abweichende Meinungen von „richtig“ und „falsch“ haben.

Wie dem auch sei, ich räumte also das Feld und gebe auch gerne zu, dass es sicherlich ein wenig bequemer für mich und auch andere Kunden wäre, wenn ich mein Rad nicht mit an die Stände nehmen würde. Auf der anderen Seite lohnt es sich aber nicht wirklich, sich darüber ernsthafte Gedanken zu machen, dass ich dies bisher allen anderen zumutete, denn es hat, zumindest soweit ich es einschätzen kann, keinen Einfluss auf das Heil oder das Leid dieser oder anderer Menschen gehabt, wie auch immer ich mein Fahrrad an einem Markttag mit mir führte oder auch nicht.

Bleibt vielleicht noch zu erwähnen, dass das Beispiel mit dem LKW aus meiner Sicht völlig unangemessen war, denn das Fahren mit einem LKW zum Supermarkt wäre in der Tat ein kleines bisschen für das Leid auf der Welt verantwortlich, da ich völlig übertriebener Art die Umwelt gefährdet wird. Und deshalb ist es natürlich viel richtiger, mit dem Rad vor dem Marktstand zu fahren. Aber da weder der Herr, noch ich mit einem LKW wo auch immer vorgefahren sind, muss auch daran keine weitere Gedankenenergie verbraucht werden.

Ich sage „Danke“ an den Herrn, der mit mir diese Erfahrung geteilt hat, denn ich habe erkannt, dass ich glücklicher bin, als früher, weil ich mich nicht mehr darüber ärgere, wenn ein anderer etwas irgendwo abstellt und mir dadurch ein wenig der eigenen Bequemlichkeit abhandenkommt.

Ich mag den Biomarkt auf dem Rudolfplatz. Da gibt’s viel mehr, als Lebensmittel.

Und damit Euch ein wundervolles Wochenende 🙂

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