Anfang und Ende

Das neue Jahr hat begonnen und wohl nahezu jeder von uns ist wieder im alten Trott. Die Arbeit ruft, die Kinder gehen wieder zur Schule, alle Geschäfte haben wieder zu den normalen Uhrzeiten geöffnet und so schnell wird auch erstmal kein verkaufsoffener Sonntag mehr folgen. Dennoch stelle ich mir die Frage, warum wir wohl in so vielen Dingen immer diese Definition von Anfang und Ende benötigen. Woher kommt diese Sehnsucht, nach klaren Momenten im Leben, die entweder den Start oder das Ende einer gewissen Sache benötigen?

Wenn wir einmal ehrlich sind, ist der 31.12. auch nicht wirklich anders, als der 30.06. in einem Jahr. Mal davon abgesehen, dass das Wetter in der Regel ein wenig anders ist und die Natur sich in einem anderen Abschnitt eines sich stets wiederholenden Zyklus befindet. Vielleicht wäre der Vergleich zwischen dem 31.12. und dem 21.12. ein wenig passender. Dennoch „passiert“ an einem letzten Tag im Jahr nichts, was nicht auch an vielen anderen Tagen im Jahr passieren könnte. Es gibt uns aber eine Art von Halt, wenn wir darüber nachdenken, dass wir ein Jahr hinter uns lassen und ein neues beginnen.

Viele Menschen brauchen scheinbar einen solchen Zeitpunkt. Sie verabschieden sich beispielsweise von einem Lebensabschnitt, der sehr hart und vielleicht auch enttäuschend gewesen ist. Manch einer bedankt sich für das, was er erleben dürfte und schaut mit Spannung auf das, was nun kommt. Aber es ist in der Tat eher das Verabschieden von subjektiv negativen Perioden, die uns abverlangen, ein „Ende“ zu bestimmen. Ein Ende eines Zeitraumes, der unserer Ansicht nach nicht gut gewesen ist. Und nur selten ist eine solche Periode ja genau am 31.12. auch beendet. Oftmals befindet sie sich gerade im Ausklingen oder hatte sich längt in den Monaten und Wochen vor dem Jahreswechsel geklärt.

Letztlich braucht es daher solch einen festen Tag, an dem man sich die guten Vorsätze für die kommende Periode macht, überhaupt nicht. Jeder von uns ist in jedem Moment des Daseins dazu in der Lage, etwas zu verabschieden und einen Übergang in etwas Neues zu vollziehen. Das Neue ist dabei niemals wirklich neu. Alles, was wir erleben, entsteht in einem steten Fluss und geht ineinander über. Wir können beinahe gar nicht entscheiden, dass von einem Moment zum anderen alles verändert ist und wir alles in veränderter Form angehen. Allein der Moment der Entscheidung fließt durch unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele und wird dabei sanft und vorsichtig immer konkreter und manifestiert sich schließlich. Für manch einen wirkt ein solcher „Neuanfang“ abrupt und schnell. Das liegt sicherlich daran, dass er für uns oft erst greifbar wird, in dem Augenblick, in dem wir die finale Entscheidung treffen, es anders zu machen. Jedoch haben wir unterbewusst und auch in Momenten der Unaufmerksamkeit bereits ganz oft Dinge getan oder sind Gedanken nachgegangen, die uns eben genau dahin geführt haben – an diesen Punkt, welcher die Veränderung und damit den Anfang eines neuen Abschnitts brachte.

Ein Ende ist immer auch ein Anfang – diesen Satz kennt wohl fast jeder. Oft wird er benutzt und ja, eine offenbar allgemeingültige Wahrheit liegt in ihm. Es ist dennoch unsere Konstruktion von Zeit, die von uns abverlangt, dass wir Relationen herstellen müssen. Zwischen dem, was jetzt passiert und dem, was bereits gewesen ist oder kommen wird. Es ist schlicht diese Art unserer zeitlichen Wahrnehmung, welche uns nötigt, dass etwas zu Ende geht und dann etwas Neues beginnt. Wie ein Buch, dass ich zu Ende lese, um mir anschließend ein anderen zu nehmen.

Doch das Leben ist nicht wie ein Buch, und auch das Ende des Lebens ist nicht wie ein Buch, dessen letzte Seite gelesen wurde. Alles fließt und geht vom einen ins andere über – ohne Anfang – ohne Ende.

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