Lügen und Hintergehen

Manchmal scheinen unsere Gedanken endlos um ein Thema oder ein Gefühl oder ein Erlebnis zu kreisen. Es kann sehr unangenehm sein, denn es sind unschöne Begebenheiten oder Situationen, die uns ängstigen und verunsichern, darunter. Dennoch können wir, wenn wir erkannt haben, woraus unsere Verunsicherung stammt, am Ende zu einer schönen Erkenntnis kommen.

Es gibt immer wieder Momente, in denen uns auch nahestehende Menschen belügen oder zumindest etwas vor uns verheimlichen. Damit meine ich nicht ein kleine Geheimnis, wenn es um ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk geht und auch nicht zwangsläufig so etwas „Großes“ wie eine Liebesaffäre, Fremdgehen oder ähnliche Dramen, die sich zwischen Menschen so abspielen können. Ich habe in erster Linie über die kleinen Dinge nachgedacht, die wir eben nicht immer preisgeben wollen oder können. Angefangen damit, dass wir bei einem Spiel vielleicht geschummelt haben und das vehement leugnen oder eine Vorliebe, der wir heimlich nachgehen, sie aber nicht preisgeben mögen, weil wir uns dafür schämen. Letztlich ist es aber auch egal, denn der Mechanismus ist bei diesen „kleinen“ Dingen auch nicht anders, als bei den „größeren“. Ich bin davon überzeugt, dass jeder von uns schon einmal einen Menschen, der uns nahe stand belogen oder in irgendeiner Form hintergangen hat.

Zunächst einmal ist dann der „Hintergangene“ in den meisten Fällen zutiefst verletzt. Wir sind in dieser Position enttäuscht von der anderen Person, wir fühlen uns ausgeschlossen, nicht zugehörig und auch irgendwie klein und verletzlich. Unsere innere Stimme sagt uns dann, dass der andere irgendwie böse zu uns war und sind wütend, dass uns das angetan worden ist. Bei einer solchen Entlarvung fühlen sich ja nicht nur die „Belogenen“ und „Betrogenen“ ganz schlecht, sondern auch die aufgeflogenen „Missetäter“, ist es ganz flau im Bauch. Es fühlte sich ja so schon doof genug an, denn unser Gewissen meldet sich mit einer geradezu unglaublichen Zuverlässigkeit, jedoch ist das ja noch gar nichts im Vergleich zu dem Moment, in dem alles auffliegt. Ich habe auch darüber nachgedacht. Wie ergeht es demjenigen, der sich dazu hatte hinreißen lassen, nicht ganz ehrlich und offen zu sein. Was genau ist es denn, dass uns dazu bewegt, nicht offen und ehrlich zu sein?

Ist es der Vorsatz, dem anderen durch das Verheimlichen weh zu tun? Nein, um ehrlich zu sein kann ich mir das nicht vorstellen. Ich glaube fest daran, dass kein Mensch dies bewusst einem anderen Menschen aus dem Beweggrund des verletzen Wollens tut. Wir haben doch in solchen Situationen viel eher ein Verhalten, einen Wesenszug oder eine Angst in uns wahrgenommen, die wir an uns nicht mögen. Es ist etwas, dass wir an uns nicht sehen möchten, oder mit dem wir uns nicht identifizieren wollen. Etwas, dass wir nicht sein wollen, aber in diesem besonderen Moment nicht verändern oder verhindern können, zu sein. Dann genau setzt der Mechanismus ein, der uns dazu verleitet eben genau diesen Teil von uns zu verbergen und einem anderen Menschen – vor allem denen, die uns sehr nahe stehen – nicht zeigen zu wollen. Natürlich wollen wir das nicht. Wer möchte schon jemandem etwas zeigen, dass er selbst nicht mag… Aber sind wir nicht am Ende sogar sehr froh und dankbar, wenn wir dabei entlarvt werden? Irgendwie ja schon, denn wir spüren eine unglaubliche Erleichterung.

Was macht das aber nun mit den beiden Menschen in der Situation, wenn durch einen dummen Zufall dieser „Betrug“ auffliegt? Mal abgesehen von den üblichen Egoreaktionen, die ich oben bereits kurz angeschnitten habe, könnten wir auch den von mir so geliebten Perspektivwechsel vollziehen und uns all das aus einer etwas anderen Warte heraus anschauen. Wenn wir von einem Menschen belogen wurden und dies herausfinden, dann sind wir für ihn ein Spiegel. Er muss sich ganz zwangsläufig mit diesem „dunklen“ und ungeliebten Aspekt seines Selbst auseinander setzen. Wir zeigen ihm deutlich auf, was er an sich nicht mag und im besten Fall sogar, warum er es an sich nicht mag. Wenn wir es schaffen dann noch schaffen, dies mit Wohlwollen und dem inneren Gefühl der Wertschätzung zu übermitteln, verbirgt sich in solchen Momenten trotz aller unangenehmen Gedanken und Gefühle beinahe schon als ein kleines Geschenk.

Selbst für denjenigen, der hintergangen wurde, bergen sich darin unglaublich viele Chancen des Erkennens. Ich kann mich genau dabei betrachten, wie und an welchen Punkten mein Ego versucht, sich Raum zu schaffen, weil der andere mir „so etwas“ angetan hat. Ich kann hinterfragen, ob ich mir nicht im Vorfeld vielleicht bereits selber eine Rolle innerhalb des ganzen „Betrugs“ übergestülpt habe und deshalb so sehr in Resonanz mit dem diesbezüglichen Schmerz gegangen bin. Ich kann schauen, worin meine Bedürfnisse in dieser Situation liegen und welche Unsicherheiten sich nun bei mir bemerkbar machen. Ich kann feststellen, dass ich völlig unnötig allen Fokus auf mich lege und mich in den absoluten Mittelpunkt begebe, obwohl ich doch klar sehen kann, dass der andere aus einem Schmerz heraus agiert hat, den er in sich trägt und ihn viel besser darin unterstützen könnte, sich genau mit diesem Schmerz auseinander zu setzen, anstatt meinen eigenen Schmerz damit zu füttern.

Wenn wir uns gegenseitig in einer solch wundervollen Weise helfen dürfen, sollten wir dies nicht mit einer größeren Wertschätzung tun, als wir es meistens können?

Es ist immer ein Geben und Nehmen. Nicht nur in Situationen des Glücks und der Freude. Wir schenken unseren Mitmenschen auch in schmerzhaften Momenten stets etwas und bekommen für unsere eigene Erkenntnis etwas zurück. Groll und Wut sind stets erlaubt, Enttäuschung und Schmerz will ich hier nicht wegdiskutieren. Was ich jedoch für mich sehen konnte, ist die große Freude, dass wir uns über Groll, Wut, Schmerz und Enttäuschung erheben können, wenn wir sie als die Werkzeuge erkennen, die wir einsetzen können, um uns und unsere kleinen Abgründe im anderen und durch den anderen zu erkennen.

Am Ende ist alles ja doch „nur“ ein Ausdruck von tiefster und inniger LIEBE!

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