Katastrophen und Menschlichkeit

Ein schweres Erdbeben erschütterte vergangenen Samstag Nepal. Tausende starben, das ganze Land ist im Ausnahmezustand. Es gibt kein fließendes Wasser, ganze Dörfer und Städte sind von der Außenwelt abgeschnitten und kaum zugänglich. Am Fuße des Himalajas sitzen zudem Bergsteiger fest, die sich für 60.000 Euro eine Besteigung des höchsten Berges der Welt als Abenteuer gegönnt haben. Oh ja, ein Abenteuer haben sie in diesem Fall bekommen.
Das Land Nepal verfügt selbst nur über eine Handvoll Hubschrauber, die nun zur Versorgung der leidenden Bevölkerung eingesetzt werden können. Wohl 30 weitere sind in privater Hand und können ebenfalls eingesetzt werden. Doch es ist, wie es immer ist. Wer soll diese privaten Hubschraubereinsätze bezahlen? Kann die kleine Familie im Bergdorf dem Besitzer ein paar Tausender in die Hand drücken, damit sie aus ihrer misslichen Lage befreit werden können?
Das können diese armen Menschen leider nicht. In der Lage dazu sind eher die reichen Touristen, welche nach der erschütternden Erfahrung am Fuße des Berges dringendst wieder in das heimelige Land ihrer Herkunft zurückkehren wollen. Sie können diese Tausender einfach mal eben aus der eigenen Tasche bezahlen und befinden sich im Handumdrehen wieder in „Sicherheit“. Hat einer von ihnen auch nur daran gedacht, dem Piloten des Helikopters etwas mehr zu geben, um einen weiteren Flug zu vollziehen und den Menschen, die nun keine Heimat mehr haben zu helfen?

 

Die Nachrichten sind stets voll von Meldungen über die schlimmen Dinge, die auf der Welt passieren. Vor etwas mehr als einem Monat stürzte ein Airbus der Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf ab und erschütterte wohl die ganze Nation. Die Nachrichten überschlugen sich in den ersten Tagen nach dem Absturz mit neuen Erkenntnissen und vermeintlichen Wahrheiten über das, was an Bord der Maschine passiert sein soll. Es wird wie immer direkt die Frage der Schuld am Absturz gestellt, denn irgendwie liegt unser Interesse scheinbar ausschließlich darin, mit dem Finger auf das zeigen zu können, was die Ursache für die Katastrophe war. Eine Geste, die wie so oft alle Verantwortung im Außen sucht.

Nach wenigen Tagen schien es ausreichend „Beweise“ zu geben, um die Schuld dem Co-Piloten zuweisen zu können, der augenscheinlich den Absturz bewusst herbeigeführt hat. Psychisch instabil, dennoch flugtauglich beurteilt – offenbar ein perfekter Täter, der durch ein imperfektes Sicherungssystem eine Möglichkeit bekam du nutzte. Alle Welt zeigt seither mit dem Schuldfinger auf diesen jungen Mann. Stimmen werden laut, dass Piloten künftig besser untersucht werden müssen, man erwägt, die ärztliche Schweigepflicht zu lockern, um ihre Gesundheitsdaten zugänglicher zu machen. Wilde Strategien zum Schutz der Allgemeinheit werden entwickelt.

Stimmen in der Öffentlichkeit werden lauter, die ihre Wut über das, was passiert ist, an den vermeintlichen Täter abgeben. Er sei ein Idiot, ein Egoist. Beurteilt und verurteilt aus den tiefsten Ängsten der Menschen. Jeder scheint genau zu wissen, was da passiert ist. Immerhin hatte er sich doch Tage vorher im Internet über Selbstmord und auch über den Mechanismus zur Verriegelung einer Cockpit-Tür informiert. Dieser niederträchtige Mensch hatte für seine Missetat alles geplant. Ich habe selbst Gespräche wie diese miterlebt. Am Osterwochenende bei einem Familienbesuch hörte ich ähnliche Äußerungen. Er habe das genau geplant, in diesem Moment, weil er die Strecke und die Gegend so gut kannte und wusste, dass dort das Flugzeug definitiv zerschellen würde.
Ich konnte in diesem Moment nicht anders, als das Gespräch zu unterbrechen und meine Verwandtschaft darauf hinweisen, dass es mindestens einen Denkfehler in diesem Konstrukt gab, abgesehen davon, dass die restlichen Aussagen auch nur spekulative Interpretationen basierend auf fragmentarischen Informationen aus medialer Berichterstattung waren. Ich wies darauf hin, dass diese Tat nicht ins Detail planbar gewesen sein konnte, allein schon weil der Co-Pilot niemals wissen konnte, dass exakt in diesem Moment sein Kollege und damit der Pilot des Flugzeugs das Cockpit verlassen würd. Denn hätte er dies nicht getan, dann wäre unser Täter wohl kaum in der Lage gewesen, seinen „bis ins Details ausgeklügelten“ Plan umzusetzen. Möglicherweise hätte er seinen Plan dann gar nicht mehr umgesetzt, weil ihn auf der nächsten Flugroute sein Mut dazu verlassen hätte? Das wissen wir jedoch nicht, so wie wir auch nicht wirklich wissen, was exakt im Flugzeug geschah. Und wenn der Pilot dadurch, dass er das Cockpit verlassen hat, möglicherweise „ausgelöst“ hat, dass der Co-Pilot diese Tat vollzog, während er sie – rein spekulativ – auf dem nächsten Flug während des Toilettengangs seines Piloten nicht mehr ausgeführt hätte, hat dann der Pilot nicht auch Schuld daran, dass es zum Unglück kam? Ohha, jetzt wird es aber wirr… In der Tat, aber das passiert, wenn wir uns ein komplettes Bild aus fragmentarischen Informationen basteln und dieses dann als Wahrheit bezeichnen. Doch wir neigen eben dazu, in diesen kollektiven Leidenserfahrungen unsere eigene Realität aus den bruchstückhaften Informationen zusammen zu setzen. Diese Realität verwenden wir, um uns zu beruhigen und innere Sicherheit zurück zu bekommen. Wir wollen bestmöglich ein Gesamtbild schaffen und uns selbst wenig weit aus dem heraus bewegen, was die Komfortzone unserer Vorstellungskraft zulässt.

Ich denke über den Absturz und seinen „Verursacher“ ein wenig anders, als es wohl viele andere und gab die hier folgenden Gedanken auch bei jenem familiären Anlass preis und forderte damit einige der Anwesenden etwas heraus.
Mir geht eigentlich nur eine Sache durch den Kopf: Sollte der Co-Pilot in der Tat den Absturz wissentlich und willentlich herbeigeführt haben, dann frage ich mich, welch einen Schmerz dieser Mensch tief in sich getragen haben muss, dass er es als vertretbar empfunden hat, über Hundert andere Menschen mit in den Tod zu reißen.
Diesem Gedanken geht meine grundsätzliche Annahme voraus, dass kein Mensch auf der Welt von sich selbst das Verständnis hat, böse zu sein oder zu handeln. Alles, was er tut, ist in seinem Wertungssystem vertretbar und in jenem Moment die richtige Wahl. Ich meine, ist einer von Euch jemals morgens aufgestanden, hat in den Spiegel geschaut und dabei gedacht: „Ich bin ein böser Mensch und werde heute etwas wirklich Schlechtes tun.“
Sicherlich gibt es Menschen, die bewusst „schlechte Dinge“ tun, aber sie empfinden diese in dem Moment immer noch als „richtig“. Also bleibe ich bei meiner Frage, die einfach nur lautet, welches Leid hat dieser Mensch empfunden, dass er seien Tat als richtig ansah?
Dann sehe ich unsere Gesellschaft, das westliche Zusammenleben, in dem es für jeden Hilfe geben und niemand im Stich gelassen werden soll. Wir haben soziale Systeme, die uns auffangen, wenn wir fallen und so weiter. Wir nennen das zivilisiert. Wie aber kann es sein, dass in einer solchen zivilisierten Welt manche Menschen so leiden, dass sie eben jene Dinge tun? Warum ist es uns als einem der reichsten Länder der Welt nicht möglich, zu verhindern, dass ein Mensch überhaupt erst in eine solche emotionale Schieflage kommt, die ihn im Zweifelsfall zu einer solchen Tat treibt? Was wollen wir uns und unseren Mitmenschen noch alles zumuten in diesem System, dass jeden dazu antreibt, immer der „Beste“ zu sein und stets zur Effektivitäts- und Effizienzmaximierung beitragen zu müssen – ohne Rücksicht auf unser Wohlergehen?

Aber diese Fragen wollen wir oftmals nicht stellen. Wir wollen sie nicht hören, denn wenn wir sie zulassen, dann müssen wir mit dem Finger der Schuldzuweisung auch ein wenig auf uns selber zeigen, denn wir sind Teil dieses Systems, das Menschen so verzweifeln und sie Taten begehen lässt, die ihnen und anderen Schaden zufügen. Wir müssten im Bewusstheit damit leben, dass wir Prozesse unterstützen, die anderen und auch stets uns selbst Schaden zufügen, da wir in unserem Denken und Handeln oftmals nur sehr kurzsichtig agieren. Und deshalb bleiben wir gerne dabei, uns unsere kleine Wahrheit über eine Katastrophe zu bauen, in der wir die Schuld einem Individuum zuweisen, denn damit können wir unsere Verantwortung an den Dingen, die eigentlich in multiverbundenen Prozessen verwoben sind, vermeintlich loslösen und unser Gewissen beruhigen.

Ich trauere neben allen Opfern des Absturzes auch um diesen Mann, dessen Leid möglicherweise zu groß war, um zu erkennen, welche Folgen seine Taten haben würden. Ich gedenke der Familie, der Freunde und der Kollegen, die ihn verloren.
Ein Einzelner hat eine Wirkung erzielt, aber er war nicht der Wirkung Ursache.

Loslassen trotz steter Verbundenheit

Immer wieder haben wir auch mal das Bedürfnis, uns loszusagen. Wir wollen Bindungen und Fesseln abstreifen, die wir uns durch andere auferlegen lassen haben oder uns von Dingen trennen, die uns nicht mehr wohl tun, sondern uns inzwischen einschränken. Die Gründe für ein solches Bedürfnis werden in uns nicht nur durch andere Menschen und materielle Gegenstände losgetreten, sondern können auch darin begründet sein, dass wir unsere Perspektive auf das Leben und unsere Umgebung verändert haben. In Prozessen der Veränderung wird ein solcher Wunsch in der Regel viel schneller gegenwärtig, als sonst. Wir spüren dann, dass es uns etwas nicht gut tut, und wenn wir besonders aufmerksam sind, können gleichzeitig auch erkennen, dass dabei die Schuldfrage nicht relevant ist. Es ist einzig und allein die Entscheidung relevant, welche wir daraus treffen.

In dieser Entscheidungsfindung gelingt es uns gerade in diesen Prozessen des Lösens oftmals nicht, das „Lösen“ als solches vollends zu begreifen und zu betrachten. In dem Wunsch nach Loslassen empfinden wir uns selber als eine vom Außen abgetrennte Einheit. Die Vorstellung und das Konzept, ein individuelles Wesen sein zu können, liegen dahinter und versperren uns die Wahrnehmung des Eingebundenseins in das große Ganze.

Individualität ist ein auf der Egoperspektive beruhendes Prinzip. Das Ego ist dafür zuständig, uns als körperlich begrenztes Wesen zu schützen. Vor äußeren Einflüssen und Gefahren warnt uns das Ego und aktiviert dabei Instinkte und Mechanismen, die dazu angelegt sind, uns als Lebewesen zu erhalten. Menschen, die sehr in ihrem Ego verhaftet sind, werden sich bei einem solchen Trennungsdrang höchstwahrscheinlich noch weiter im Ego verstricken und durch das Lossagen wahrscheinlich keine Glückseligkeit erlangen. Sie streben im Lossageprozess nach besonderer Individualität und tappen in die Fallen von Mode, Trends und Angesagtheit. Wenn ich einer Mde hinterherlaufe, schalte ich mich nur erneut mit der Masse gleich. Worin liegt da also die Indivdualität?

Haben wir unser Ego zu klein gehalten und unsere Bedürfnisse viel zu sehr hinter den Bedürfnissen von anderen Menschen in unserem Umfeld gestellt, kann es heilsam sein, einen Lösungsschritt zu vollziehen. Jedoch birgt er die gleiche kleine Falle, in welche wir auch tappen, wenn wir egogesteuert zu einem Lösungsprozess tendieren. Diese Falle können wir uns aber ins Bewusstsein rufen und somit vermeiden, ihr allzu oft auf den Leim zu gehen.

Wenn wir das Bedürfnis haben, uns von einem anderen Menschen zu „trennen“, dann sollten wir nicht vergessen, dass das Lösen als Prozess gar nicht möglich wäre, ohne dass es den anderen gäbe. Allein schon in der Tatsache, dass ich den anderen zunächst einmal benötige, birgt das Paradoxon, welches auch in sich vereint, dass ich mich schlussendlich gar nicht wieder gänzlich werde lösen können. Basierend auf dem Prinzip das alles mit allem und jedem verbunden ist, ist eine Loslösung per se schon ausgeschlossen. Wenn wir Bedürfnisse dieser Art haben, dürfen wir uns erinnern, dass diese auf unserer Verbundenheit basieren, die wir zu dem Menschen, dem Gegenstand oder dem Verhalten haben und werden diese mit Sicherheit auch behalten.

Was aber bedeutet dann ein Loslassen? Wie sieht ein Lösungsprozess überhaupt aus? Genau betrachtet handelt es sich einzig und allein um eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen den miteinander verbundenen „Einheiten“. Wenn ich mich von einem Menschen “löse“, verändere ich nur mein Verhältnis zu ihm. Ab diesem Moment nehme ich sein Verhalten anders wahr, kann mich von mich einschränkenden, mich zurückhaltenden und mich reduzierenden Effekten befreien. Ich kann mein eigenes, durch diesen anderen Menschen ausgelöstes Verhalten ändern und stelle mich in ein neues, weniger „belastetes“ Verhältnis zu ihm. Das ist wichtig, denn wenn ich die Verbundenheit verleugne, vergesse ich im gleichen Zuge auch das, was ich daraus über mich selbst lernen kann und ebenso das Verständnis dafür, dass alles was ich bin aus dem geboren wird, was mich umgibt. Ein Lösungsprozess ist also keine Trennung von etwas, sondern einfach nur die veränderte Haltung und Perspektive zu etwas anderem.

In Bezug auf unsere Gefühle lassen sich ganz ähnliche Überlegungen anwenden. Wenn wir in Trauer sind, Verlust erfahren oder Ängste spüren, können wir uns auf verschiedene Arten davon trennen. Wir können ins Leugnen dieser Gefühle gehen, doch dann schieben wir sie ins Außen. Wir versuchen uns wortwörtlich davon abzutrennen und werden schon in dem Versuch scheitern. Gehe ich mit meinem Gefühl jedoch in Resonanz und begreife, dass es ein in dieser Situation wichtiger Teil meines Selbst ist, dass es etwas ist, mit dem ich in stetiger Verbindung stehe, kann ich meine Perspektive verändern und es in heilsamer Art „loslassen“, weil ich es in einvernehmlicher und zuträglicher Weise in mein inneres Selbst aufnehmen und damit verschmelzen lassen kann.

Wir können verstehen lernen, dass Trennung und Lösung nur Hilfskonstrukte unserer Wahrnehmung sind, mit deren Unterstützung wir uns neu ausrichten, jedoch werden wir uns nie wirklich von etwas trennen, dass einmal mit uns verbunden war.