Der Wolkenatlas – David Mitchell

6 Charaktere – 6 Geschichten – 6 Orte auf der Welt – zu 6 verschiedenen Zeiten in der Menschheitsgeschichte.
Was haben ein Anwalt auf einem Handelsschiff im Südpazifik um 1849 und ein Buchverleger im heutigen England gemeinsam? Was verbindet eine Journalistin im San Francisco der 1970er Jahre mit einem Schäfer in der postapokalyptischen Welt des Jahres 2321? Wie beeinflusst ein junger Komponist in Belgien kurz vor dem zweiten Weltkrieg das Schicksal einer geklonten Fast-Food-Serviererin in Neo Seoul im Jahr 2144?
David Mitchell zeigt uns, dass nicht nur alle Menschen im Hier und Jetzt verbunden sind, sondern dass die Bande sich auch durch die Zeit erstrecken. Wie wir über Zeit und Raum hinweg in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verknüpft und wiederholen all unsere Fehler immer wieder, bis wir gelernt haben, was wir zu lernen haben.

David Mitchell kreiert durch Erzählungen in verschiedene Epochen der Zeit eine Perspektive auf unsere Welt und eine Wahrnehmung von Realität, die ganz deutlich zeigt, was spirituelle Lehren alter Kulturen schon immer nahe bringen wollten: Alles ist in steter Interaktion miteinander und die Taten des Einzelnen haben Auswirkungen auf Raum und Zeit. Realität kreiert sich direkt aus Worten, Taten und Gedanken. Nichts ist unabhängig, alles ist verschränkt in einem großen Ganzen.

Der Roman von 2004 hatte in Deutschland zunächst nicht besonders große Aufmerksamkeit erlangt, während er in England seinerzeit mit Preisen ausgezeichnet worden ist. Mit der Verfilmung von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern im Jahr 2012 gewann der Roman jedoch auch in Deutschland zunehmend Beachtung. In der Verfilmung glänzen unter anderem Stars wie Halle Berry, Tom Hanks, Huge Weaving, Susan Sarandon und Hugh Grant. Sie alle spielen verschiedene Rollen in den unterschiedlichen Geschichten, welche auf eine subtile Art miteinander verwoben sind. Eine Verbindung, die Mitchell in seiner literarischen Vorlage durch Wortgeschick und narrative Techniken kreieren musste, wurde vom Regie-Trio in der Verfilmung geschickt durch diesen multiplen Einsatz der Schauspieler untermauert und verdeutlicht selbst dem unbedarften Zuschauer, dass auch dort Bande vorherrschen, wo wir sie nur erahnen mögen.

Dennoch trifft der Film in seiner Erzählart nicht unbedingt jedermanns Geschmack. Während der Roman viel langsamer und kontinuierlich von der Vergangenheit in die Zunkunft erzählt, um dann wieder rückwärts in die Vergangenheit zu verlaufen und sein Ende zu finden, verlangt der Film dem Zuschauer eine große Auffassungsgabe ab. In einer schnellen Komposition springt der Zuschauer von einer Erzählzeit in die nächste und wieder zurück, und ist gezwungen, in sehr kurzer Zeit eine Unmenge an Figuren und Geschichten auf- und wahrzunehmen. Wenn man sich jedoch mit ein wenig innerer Ruhe in die Geschichten sinken lässt, wird man am Ende durch eine wundervolle Komposition von Bildern, Worten und Emotionen belohnt.

Für mich gehört Der Wolkenatlas vor allem als Buch, aber auch als Verfilmung zu den beeindruckenden Werken der jüngeren Literatur und Filmgeschichte. Ich hege keinen Zweifel daran, dass dieses Werk den Test der Zeit bestehen wird und auch in einigen Jahrzehnten noch Perspektiven aufzeigt, die für unsere Nachkommen von Interesse sein werden. Sein spiritueller Tiefgang zeigt, dass die Menschen langsam aber auch stetig begreifen, dass wir eins sind und die Individualität ihre Grenzen hat und Einschränkungen aufruft, die wir ablegen dürfen und vielleicht sogar ablegen müssen, wenn wir als Menschheit unseren Weg auf diesem Planeten weiter beschreiten mögen.

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