Der Wolkenatlas – David Mitchell

6 Charaktere – 6 Geschichten – 6 Orte auf der Welt – zu 6 verschiedenen Zeiten in der Menschheitsgeschichte.
Was haben ein Anwalt auf einem Handelsschiff im Südpazifik um 1849 und ein Buchverleger im heutigen England gemeinsam? Was verbindet eine Journalistin im San Francisco der 1970er Jahre mit einem Schäfer in der postapokalyptischen Welt des Jahres 2321? Wie beeinflusst ein junger Komponist in Belgien kurz vor dem zweiten Weltkrieg das Schicksal einer geklonten Fast-Food-Serviererin in Neo Seoul im Jahr 2144?
David Mitchell zeigt uns, dass nicht nur alle Menschen im Hier und Jetzt verbunden sind, sondern dass die Bande sich auch durch die Zeit erstrecken. Wie wir über Zeit und Raum hinweg in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verknüpft und wiederholen all unsere Fehler immer wieder, bis wir gelernt haben, was wir zu lernen haben.

David Mitchell kreiert durch Erzählungen in verschiedene Epochen der Zeit eine Perspektive auf unsere Welt und eine Wahrnehmung von Realität, die ganz deutlich zeigt, was spirituelle Lehren alter Kulturen schon immer nahe bringen wollten: Alles ist in steter Interaktion miteinander und die Taten des Einzelnen haben Auswirkungen auf Raum und Zeit. Realität kreiert sich direkt aus Worten, Taten und Gedanken. Nichts ist unabhängig, alles ist verschränkt in einem großen Ganzen.

Der Roman von 2004 hatte in Deutschland zunächst nicht besonders große Aufmerksamkeit erlangt, während er in England seinerzeit mit Preisen ausgezeichnet worden ist. Mit der Verfilmung von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern im Jahr 2012 gewann der Roman jedoch auch in Deutschland zunehmend Beachtung. In der Verfilmung glänzen unter anderem Stars wie Halle Berry, Tom Hanks, Huge Weaving, Susan Sarandon und Hugh Grant. Sie alle spielen verschiedene Rollen in den unterschiedlichen Geschichten, welche auf eine subtile Art miteinander verwoben sind. Eine Verbindung, die Mitchell in seiner literarischen Vorlage durch Wortgeschick und narrative Techniken kreieren musste, wurde vom Regie-Trio in der Verfilmung geschickt durch diesen multiplen Einsatz der Schauspieler untermauert und verdeutlicht selbst dem unbedarften Zuschauer, dass auch dort Bande vorherrschen, wo wir sie nur erahnen mögen.

Dennoch trifft der Film in seiner Erzählart nicht unbedingt jedermanns Geschmack. Während der Roman viel langsamer und kontinuierlich von der Vergangenheit in die Zunkunft erzählt, um dann wieder rückwärts in die Vergangenheit zu verlaufen und sein Ende zu finden, verlangt der Film dem Zuschauer eine große Auffassungsgabe ab. In einer schnellen Komposition springt der Zuschauer von einer Erzählzeit in die nächste und wieder zurück, und ist gezwungen, in sehr kurzer Zeit eine Unmenge an Figuren und Geschichten auf- und wahrzunehmen. Wenn man sich jedoch mit ein wenig innerer Ruhe in die Geschichten sinken lässt, wird man am Ende durch eine wundervolle Komposition von Bildern, Worten und Emotionen belohnt.

Für mich gehört Der Wolkenatlas vor allem als Buch, aber auch als Verfilmung zu den beeindruckenden Werken der jüngeren Literatur und Filmgeschichte. Ich hege keinen Zweifel daran, dass dieses Werk den Test der Zeit bestehen wird und auch in einigen Jahrzehnten noch Perspektiven aufzeigt, die für unsere Nachkommen von Interesse sein werden. Sein spiritueller Tiefgang zeigt, dass die Menschen langsam aber auch stetig begreifen, dass wir eins sind und die Individualität ihre Grenzen hat und Einschränkungen aufruft, die wir ablegen dürfen und vielleicht sogar ablegen müssen, wenn wir als Menschheit unseren Weg auf diesem Planeten weiter beschreiten mögen.

„Ich bin dann mal vegan“ von Bettina Hennig

Ich habe lange nichts von mir hören lassen und bin selbst wieder einmal erstaunt, wie schnell die Zeit manchmal subjektiv vergeht. Aber ich möchte einem Versprechen nachkommen, dass ich einer tollen Frau bei unserer kurzen, aber für mich sehr nachhaltig wirkenden, wundervollen Begegnung gemacht habe.
Bettina Hennig habe ich bei einer kleinen privaten Wohnzimmerlesung einer Kollegin kennenlernen dürfen, als sie ihr frisch gedrucktes Buch „Ich bin dann mal vegan“ erstmals einer Gruppe von Menschen vorgestellt hat. Es hat mich beeindruckt, dass dieses Thema mich allein in dieser Lesung so sehr zum Lachen gebracht hat, dass ich nicht anders konnte, als ein Exemplar zu erstehen und es auf meiner Leseliste direkt an oberste Stelle zu setzen. Nun bin ich manchmal nicht der schnellste Leser, aber ich mache heute das an Bettina gegebene Versprechen wahr und werde über ihr Buch schreiben und was es mit mir gemacht hat:

Bettina Hennig vermag es, ihre Zuhörer in den Bann zu ziehen. Nachdem ich sie kennenlernen durfte und weiß, wie ihrer Stimme klingt, ihre Intonation wirkt, wie sachte sie in angebrachten Momenten mit Sarkasmus und Ironie spielt, aber auch genau weiß, wann jene stilistische Mittel ob der Ernsthaftigkeit des Erlebten und Erzählten nicht angebracht sind, hatte ich sie in jedem Moment des Lesens bei mir. Es war so, als würde eine Bekannte neben mir sitzen, die mir eine Geschichte erzählt. Ich lausche ihren Worten, die sich beim Lesen der Buchstaben durch ihre Stimme in meinem Kopf zu einem Abenteuer entfalten und genau das ist dieses Buch: Ihr eigenes Abenteuer.

Als Leser erfahren wir von Dingen, die Bettina Hennig nahe gehen, von Dingen, die sie Weinen und Nachdenken bringen. Wir hören von absurden Situationen, die mich mehrfach zum Lachen brachten, aber wir erfahren auch spannende Fakten und bekommen verschiedene Quellen, um selber zu recherchieren und uns ein eigenes Bild zu machen.

Bettina Hennig vermittelt ihren Weg in eine Lebensweise ohne den Konsum tierischer Lebensmittel, in eine Welt, in der sie nach bestem Wissen und Gewissen auf jegliche tierische Güter verzichtet. Sie vermittelt diesen Weg aber weder in einer erzieherischen Weise, um dem Leser das Gewissen wach zu rütteln. Nein, vielmehr schafft sie Raum für einen Erfahrungsbericht, der Dinge spiegelt, die uns allen aus dem Alltag bekannt sind oder uns Dinge aufzeigt die wir nicht wahrhaben wollen. Wir lernen aber auch die absurde Welt der moralischen Zeigefinger kennen, die beispielsweise in Internetforen erhoben werden, wenn man einmal leichtsinnigerweise ein Lebensmittel als „SAU-lecker“ bezeichnet.  Wir erfahren, welche Intrigen die agrarindustrielle Lobby spinnt und wie volksverdummend die Bildzeitung ist, obwohl lediglich die Frage nach einer Quelle für veganen Nuss-Nougat-Brotaufstrich gestellt wurde und erleben, dass am Ende zwar hochmoralisch diskutiert, diffamiert, beschimft und besser gewusst wird, aber niemand einer Einsteigerin am Ende die Frage nach dem Brotaufstrich beantwortet.

Bettina beschreibt aber auch die Schwierigkeiten, denen sie in ihrem privaten Umfeld entgegentreten musste, weil sie sich immer wieder dem Rechtfertigungsdruck von außen ausgesetzt sieht und man ihr Moralisierung unterstellt, wo sie nicht einmal einen Anflug davon vornimmt. Sie beschreibt ihre Verwunderung darüber, wie ihre Lebensweise auf andere wirkt und ihr plötzlich grundlos eine Art Missionierungsdrang zugeschrieben wird. Sie lässt uns an den Veränderungen teilhaben, die sie durch ihr Bewusstwerden erlebt. Veränderungen, wie sie jede/r erfährt, wenn er oder sie vor bestimmten Dingen die Augen nicht mehr verschließt.

Ich erkenne vieles wieder in dem, was Bettina schreibt, auch wenn mein Weg und meine Veränderung anders verläuft. Die Dinge, vor denen ich die Augen nicht mehr verschließe, sind anders gelagert, aber ich erkenne das Bedürfnis, das entsteht, anderen helfen zu wollen, weil man merkt, dass es einem besser geht und habe jeden Moment des Spiegels meines Selbst in dieser Geschichte genießen können.

Die Fakten, die Bettina teilt, lassen mich nachdenken, lassen mich erkennen, dass das Lernen und Erkennen niemals aufhört. Aber sie lassen Platz dafür, die eigenen Entscheidungen zu treffen, die eigene Geschwindigkeit der Veränderung zu wählen und den Weg selbst zu bestimmen.

Bettina schreibt aus dem inneren Selbst, sie verheimlicht nicht und das macht ihre Reise authentisch und zu einem Lesegenuss. Dieses Buch ist nicht nur etwas für ernährungsinteressierte oder vegan-affine Menschen. Dieses Buch darf themenunabhängig als Lektüre genossen werden, die eine Reise im Leben einer beeindruckenden Frau schildert.

Julia Cameron – Der Weg des Künstlers

Zwölf Wochen wunderbarer Momente hat sie mir beschwert und ich bedauere bereits, dass diese Zeit nun fast vorbei ist. Julia Cameron zeigt in ihrem Buch auf eindrucksvolle Art, wie wir das Künstlerkind in uns wiederfinden können.
Was ist das Künstlerkind? Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere noch daran, in welch fantastische Welten wir uns als Kinder aus reiner Imaginationskraft versetzt haben. Da war ein aufgeschobener Haufen Schnee ein Raumschiff, mit dem wir ins Weltall geflogen sind. Ein alter Schuppen war unsere Burg oder der Baum im Garten ein Naturmonster, gegen das wir uns auflehnen mussten. Als Kinder haben wir uns, ohne dass wir die Frage nach Sinn oder Unsinn stellen mussten, einfach Dinge, Ideen und Situationen mit Kraft unserer Kreativität erschaffen. Im Laufe des Erwachsenwerdens geht uns diese Gabe verloren, oder besser gesagt, sie wird begraben unter unserem analytischen Verstand und anderen Tools unseres Ichs, mit denen wir nun den Alltag bestreiten. Diese freie, kindliche Kreativität wird verbannt und unterdrückt. Doch hin und wieder wollen vielleicht diese alten kreativen Kräfte einmal ausbrechen. Meistens hören wir nicht auf uns und stempeln das als Albernheiten ab. Wir setzen uns einem Druck aus, der uns tief in unserem inneren Selbst Schmerzen bereitet.
Der Weg des Künstlers Mit ihrem Workshop in Buchform geht Julia Cameron gezielt auf diese in uns wohnenden Kräfte ein und gibt uns Leserinnen und Lesern die Chance, diese wieder freizusetzen und zu nutzen. Eines ihrer wunderbaren Werkzeuge, welches ich seit dem ersten Tag konsequent nutze, ist das Schreiben meiner Morgenseiten. Jeden Tag nach dem Aufstehen schreibe ich auf drei Seiten handschriftlich nieder, was mir gerade durch den Kopf geht – ungefiltert und ohne Wertung. Ich lasse einfach alles raus, was gerade da ist und habe bereits nach kurzer Zeit festgestellt, wie befreiend dieser Vorgang ist und mit wie viel Platz für neue Ideen ich in den Tag starten konnte.
Julia Cameron belässt es aber nicht dabei. Aus ihrer langjährigen Erfahrung als „Künstler-Coach“ setzt sie den Fokus jede Woche auf andere Schwerpunkte. Manchmal liegt das Augenmerk auf Selbstsabotage, die im künstlerischen Wirken aufkommt, ein anderes Mal zeigt uns Julia Cameron, wie wir mit kleinen Gesten uns selbst die gebührende Anerkennung zollen können. Wir lernen in diesem Workshop zum Beispiel Hilfsmittel kennen, mit denen wir förderliche von blockierenden Einflüssen erkennen können und werden ermutigt, uns mit diesen konkret auseinander zu setzen. Jede Woche stellt sie zehn Aufgaben, die jeweils zu den aktuellen Themen passen und auf diese Weise praktische Umsetzung der Erkenntnisse bieten. Sie trifft dabei oft genau die Themen, welche uns wiedergeborene Künstler in dieser Woche der Wiedererweckung beschäftigen. So fühlte ich mich als Leser stets gut bei ihr aufgehoben.
Ich werde weiterhin meine Morgenseiten schreiben, auch wenn die zwölf Wochen für mich nun beinahe vorbei sind. Ich lege jedem der spürt, dass in ihm/ihr das Kreative schlummert und ausbrechen möchte, dieses Buch nahe. Es gehört zu den Dingen, die wie eine kleine Offenbarung auf einem bewussten Lebensweg wirken können, selbst wenn kreatives Wirken dabei keine große Rolle spielen sollte.
Wer bereits viel mit sich und seiner Lebensführung gearbeitet hat, wird sicherlich einiges bereits kennen oder mit anderen Mittel schon erfahren und erkannt haben. Es lohnt sich dennoch, Julia Camerons Ausführungen einfach zu folgen und sie auf sich wirken zu lassen.

Stille im Blog – Der Frühling ist da :-)

Ich gehe davon aus, niemand ist wirklich enttäuscht oder „ärgerlich“, wenn die diversen Onlineforen und Blogs dieser Tage etwas weniger mit neuem Inhalt versehen werden, oder?
Warum das so ist?
Ganz einfach: Die Sonne scheint aus allen Löchern und jedermann der es sich irgendwie erlauben kann, ist so lange und so viel wie möglich an der frischen Luft. Da bleibt gern auch mal das mobile Endgerät in der Tasche stecken, denn der Frühling liegt nicht nur in der Luft, er scheint schon mit Volldampf voraus bei uns eingetroffen zu sein.
Auch wenn ich vergangene Woche hier Rezepte von Bolognese usw. angekündigt habe, werde ich meine Leserschaft frühlingshaft frech enttäuschen müssen, denn auch ich genieße nach allen Kräften die Sonne. Ich werde Euch diese Rezepte natürlich nicht schuldig bleiben, bitte da nur ein wenig um Eure Geduld. Aber nun zurück zur Sonne, diesem wunderbaren wie auch wundersamen Gebilde dort oben am Himmel. Sie spendet diesem Planeten die Basis an Energie und damit Wärme, damit es überhaupt möglich ist, dass sich Leben auf diesem Planeten bilden konnte. Damit erzähle ich hier nichts Neues, natürlich. Aber ich habe auch ein interessantes Buch gelesen, in welchem der Autor verschiedene Forschungsergebnisse aus beispielsweise dem Fachgebiet der Quantenphysik über einen Zeitraum von 30 Jahren zusammengetragen und ausgewertet hat, um damit alte Weisheitslehren aus den uralten Menschheitskulturen zu belegen. Unter anderen ist dort die Rede von einem Forscher namens Tschijewski, welcher Zusammenhänge erschließen konnte zwischen der Stärke der Sonnenaktivität und dem Verhalten der Menschen auf der Erde. Beispielweise ließ eine starke Sonnenaktivität die Gewaltbereitschaft der Menschen ansteigen. So konnte er wohl auch Zusammenhänge zwischen der Anzahl an Sonnenflecken und spezifischen Ereignissen der Menschheitsgeschichte erkennen.
Ich finde allein die Möglichkeit, dass die Geschicke auf dieser Welt im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Ausrichtung des Sonnensystems oder gar des Universums in direktem Zusammenhang stehen gelinde gesagt faszinierend. Es zeigt, dass in der Tat alles Existierende in einem stetigen Austausch miteinander ist und eine grundsätzliche Verbundenheit zwischen allem herrscht.
Wer zu diesem Thema gern mehr wissen möchte, kann mir zum einen natürlich eine Nachricht schicken und ich gebe gern weitere Auskunft.
Das oben genannte Buch heißt „Die Urfeld-Forschungen“, geschrieben von David Wilcock (1. Auflage Juli 2012 im Kopp Verlag). Er hat sich die Mühe gemacht, Forschungsberichte, Studien usw. zusammenzutragen, welche den universitären Rahmen nie so wirklich verlassen konnten. Er berichtet von Forschungen, welche Beweise oder zumindest Hinweise für Dinge liefern, welche die gängigen Naturwissenschaften so bisher schuldig blieben. Die Kraft der Pyramiden wird beispielsweise abgehandelt. Er schreibt auch von Versuchsaufbauten, welche zeigen konnten, wie die innere Haltung einer Pflanze gegenüber eine unmittelbare Auswirkung auf eben diese hatte. Wilcock belegt alle seine Theorien und Herleitungen mit genauen Literaturangaben seiner Quellen – und zwar in großem Umfang.
Überkritische Leser und Menschen, die in den Prägungen einer schulwissenschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Welt verhaftet sind, werden sicherlich immer auch Argumente finden, mit denen sie versuchen, alles ad absurdum zu führen. Dennoch bin ich der Meinung, dass es sich lohnt, die von Wilcock aufgezeigten Zusammenhänge einmal nachzuvollziehen und sich ein Bild von seinen spannenden Erkenntnissen zu machen. Es erweitert das Wahrnehmungsspektrum für jeden, der einen bewussteren Umgang mit sich, seiner Umgebung und dem Planeten gewählt hat.
Für alle Interessierten: Viel Spaß beim Schmökern und genießt allesamt die Sonne da draußen in der „Realität“. Bis bald – dann auch wieder mit Rezepten hier in der „Virtualität“.

Stefan

Shikasta – Doris Lessing

Sie wurde 94 Jahre alt, verstarb im November 2013  und hinterlässt uns ein wundervolles Erbe an großartigen Romanen.
Einen davon möchte ich hier besonders hervorheben: Shikasta

Es ist der erste von isng. 5 Romanen aus dem Zyklus „Canopus in Argos: Archive“, welche Doris Lessing selbst als „Space-Fiction“ bezeichnet hat. Sie wurde kurz nach Veröffentlichung dieses Romans im Jahr 1979 häufig scharf angegangen – von den gängigen Kritikern, wie auch von ihren Fans. nachdem sie jahrelang thematisch mit sozialistischen sowie psychologischen Fragestellung besonders aus der weiblichen Perspektive befasst hatte, mutete dieser „unrealistische“ Weltraumroman den meisten Leser als zu oberflächlich und fiktiv an. Während die Literaturwissenschaft „Das goldene Notizbuch“ als ihr Hauptwerk kennzeichnet, bezeichnete Doris Lessing den Zyklus als ihre wichtigste Arbeit und sagte in einem Interview, dass diese 5 Bücher die ihrer Ansicht nach realistischsten Werke seien. Und ich kann dem nur zustimmen.

Doris Lessing kreirt in unglaublich intensiver Art eine Welt, die absolut spürbar ist. Der Roman wird aus der Sicht eines Abgesandten, Johor, einer hoch entwickelten, weisen und gütigen Spezies aus dem Sternenreich Canopus erzählt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Berichte über die Beobachtungen dieses Abgesandten bzgl. der Entwicklung eines von ihm beobachteten Planeten – Shikasta. Die Bewohner Canopus‘ besuchen die verschiedensten Welten, indem sie in einen ihrer Bewohner inkarnieren. Durch die Erfahrunen aus diesen Leben ist es ihnen möglich, umfangreiche Berichte über die planetäre Entwicklung zu verfassen. Shikasta hieß nicht immer so. Denn Shikasta bedeute „Die Gefallene“. Shikasta war einst Rohanda, ein Planet voller Hoffnung für Canopus, denn jegliches Leben war im Einklang mit der Materie und der Energie, die sie umgab. Eine Zustand, der im Sternenreich Canopus als „Substanz-des-Wir-Gefühls“ benannt wird. Rohanda schwang dabei in Harmonie und Gleichgewicht mit dieser Energie allen Daseins und um die humanoiden Bewohner Rohandas zu fördern, siedelte Canopus eine lehrende Rasse riesenhafter Wesen an. Für lange Zeit entwickelte sich der Planet prächtig, doch ein kosmisches Zufallsereignis ließ die verbindung Rohandas zur „Substanz-des-Wir-Gefühls“ nahezu abbrechen. Damit war der Planet den Einflüssen Shamats, einer anderen Sternenmacht, welche sich von Gier und Zerstörung zu nähren scheint, ausgesetzt. Krankheiten breiten sich aus und die Lebenserwartung der Bewohner Rohandas sinkt. Rohanda wird zu Shikasta und degeneriert zusehends unter den Augen seiner einstigen Förderer. Um dem entgegenzuwirken, schickt Canopus immer wieder Botschafter – teilweise geheim, teilweise offen – um den Bewohnern Weltanschauungen, Philosophien & Religionen zu vermitteln. Doch der Einfluss Shamats ist zu groß und somit werden jegliche Ideenmuster pervertiert und in ihr Gegenteil gewandelt. Alle Versuche Canopus‘, Shikasta vor seinem endgültigen Verderben zu bewahren, inkarniert Johor im Jahrhunder der drei Weltkriege ein letztes Mal in der Gestalt des George Sherban auf Shikasta, um die Welt zu retten.

Doris Lessing erschafft in diesem Roman eine wundervolle Sichtweise von außen auf die Entwicklung einer Welt, auf der alles Leben in Harmonie und Einklang existieren könnte. Dabei bildet das Sternenreich Canopus ein Sinnbild dessen, was mit Worten wie „absolutes Bewusstsein“ oder „Einheit“ beschrieben werden könnte. Durch die Augen absoluter Güte und Wertungfreiheit und voller Mitgefühl beobachtet diese Spezies die Vorgänge im Universum. Sich dabei aber stets dessen bewusst, dass die Dinge so geschehen werden, wie sie geschehen müssen. Canopus‘ Gegenspieler Shamat mutet im Vergleich dazu als das „Ego“ an, welches stets von dem Gefühl getrieben wird, zu wenig zu haben und einem Nachteil ausgesetzt zu sein. Aus diesem Mangel heraus ist Shama darauf aus, endlich das zu erreichen, was Canopus hat. Shamat ist sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass es all dies schon seit jeher besitzt.

Doris Lessing gelingt es auf fast hellseherische Art, dem Leser aufzuzeigen, auf welchem Weg sich die Menschheit befindet und dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, um einzulenken. Dabei hat das Buch auch nach über 30 Jahren an Aktualität nicht eingebüßt. Doris Lessing hat 1979 Entwicklungen in der Menschheit erspürt und in diesem Buch beschrieben, welche sich heute manifestiert haben. Zu guter Letzt eröffnet sich aus Sicht von Camopus eine Lösung – doch Canopus ist wertungsfrei. Ob dem Leser diese Lösung zusagt, ist individuell zu sehen.
Dieser Roman ist jedem zu empfehlen, der offen für etwas abstraktere Ideen bzgl. der natürlichen Gesetze im Universum ist und jeder, der sich vorstellen kann, „dass da noch mehr sein kann, als was uns die Schulweisheit lehren kann“. Meine Mutter sagte mir, nachdem sie dieses Buch auf meine Empfehlung hin laß, dass es zu einer Pflichlektüre für jeden Menschen werden sollte, der andere leiten und führen will: Politiker, Geschäftsführer, Lehrer… Und ich kann ihr nur beipflichten.

Die anderen 4 Bändes des Zyklus „Canopus in Argos: Archive“ heissen:
Die Ehen zwischen den Zonen drei, vier und fünf
Die sirianischen Versuche: Ein Bericht von Ambien II, einer der fünf
Die Entstehung des Repräsentanten vom Planet 8
Die sentimentalen Agenten im Reich Volyen

Die 5 Bände stehen nicht zwingend in Zusammenhang. Sie sind in der gleichen Welt angesiedelt, welche Doris Lessing in „Shikasta“ kriert hat, inhaltlich jedoch nur leicht verknüpft. Es empfiehlt sich dennoch, die Bücher in der Reihenfolge Ihres Erscheinens zu lesen. Leider sind „Shikasta“ sowie der 4. Band aus dem Zyklus derzeit nur als Werksausgaben erhältlich. Die anderen drei Bände sind vergriffen und nur noch „second hand“ zu bekommen. Es lohnt sich aber, danach Ausschau zu halten. Möglicherweise erleben diese Bücher, sowie andere Werke Lessings durch ihr Ableben eine Neuauflage in Deutschland.