Blindheit im Erkennen

Der Weg des Erkennens ist immer wieder auch durch Phasen mit Blindheit gekennzeichnet. Wenn wir einmal für uns selbst die Erfahrung gemacht haben, Dinge in uns zu sehen, dann steigt oftmals auch das Bedürfnis, diese Erkenntnis mit anderen zu teilen. Wir wissen natürlich, dass es keinerlei Sinn macht, andere Menschen zu missionieren. Vielmehr können wir besser unsere Erfahrungen teilen und den Menschen an unserer Seite einfach aufzeigen, was wir in diesem Erleben empfunden und erkannt haben.

Doch immer wieder kommt es auch dazu, dass wir dies auch vergessen und einfach zu einem permanent ähnlichen Spiegel für den anderen werden. Für den anderen Menschen ist es nicht unbedingt zuträglich, wenn er durch uns immer nur denselben Aspekt gespielt bekommt. Vor allem, wenn dieser Mensch längst begriffen hat, was dieses Spiegelbild für ihn bedeutet. In dem Glauben, uns – und andere – erkannt zu haben, kann es so leicht geschehen, dass wir unsere Umgebung mit einem Bild geradezu überfluten. Dabei vergessen wir aber vielleicht andere wichtige Komponenten, die ebenfalls in diese Art des Austauschs integriert werden könnten.

Manchmal sollten wir vielleicht einfach nur zuhören und dem anderen schlicht den Raum geben, sich auszudrücken und seine innersten Empfindungen zu formulieren. Es ist nicht immer nötig, das dann durch unsere Brille gefiltert zu kommentieren.
Vielleicht geht es manchmal auch einfach viel mehr um einen praktischen Rat, den der andere viel mehr benötigt, als von uns darauf gestoßen zu werden, was sein Inneres eigentlich gerade ausdrückt.
Manchmal fehlen uns aber auch die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen, weil wir auf Grund unserer Erfahrungen des Erkennens eine gewisse Selbstgefälligkeit und Leichtigkeit nach außen tragen. Ja, sicherlich dürfen wir die Leichtigkeit in unserem Sein stets in uns tragen, aber wir sollten dabei unsere Sensibilität nicht verlieren. Verständnis und Trost sind manchmal ebenso gut oder gar besser, als die Lehre unserer Erfahrung zu rezitieren.

Unser Gegenüber wird so oder so die Erfahrungen machen, die es machen soll. Für uns kann in einem solchen Moment die Chance liegen zu erkennen, Zurückhaltung und Geduld zu üben. Vor allem werden wir werden immer dann zu einem sich wiederholenden Spiegel, wenn sich in uns beinahe unmerklich Erwartungshaltungen manifestieren, die wir an den anderen Stellen.

Natürlich, wir stehen stets im Dialog mit unserer Umwelt und dieser bedingt sich gegenseitig. Wir reagieren und geben Anlass, dass unser Gegenüber auf uns reagiert und umgekehrt. Allerdings müssen wir vorsichtig sein: Aus dem Dialog kann unbemerkt ein Monolog werden und der nimmt uns am Ende die Leichtigkeit im Umgang mit all den wundervollen Seelen, die uns im Leben begegnen.

Auch wir dürfen manchmal wieder auf „Null“ schalten und uns fragen, ob wir dem anderen genug Aufmerksamkeit geschenkt haben, um ihn so wahrzunehmen, wie er ist oder aber ob wir vielmehr auf uns selbst fokussiert gewesen sind und dabei an einem überalterten Bildnis des anderen hängen geblieben sind, welches wir uns und ihm immer wieder vorzeigen.

Liebe in allem

Heute ist einer von den Tagen, an denen ich mich sehr glücklich und leicht empfinde, denn ich kann die Liebe überall sehen. Wir sollten uns stets versuchen, darin zu üben und danach zu streben, dass wir Liebe in allem sehen, denn alles besteht aus reiner Liebe. Im Universum gibt es nichts anderes, als Liebe. Ich bin nicht der Erste, der darüber schreibt, denn Neale Donald Walsh, Eckhard Tolle und andere haben bereits in ihren Werken und Arbeiten auf sehr plausible, wenngleich auch teilweise verstörende Art, genau das umschrieben. Aber heute ist für mich der Moment gekommen, mein Empfinden darüber nieder zu schreiben und zu teilen.

Es sind kleine Momente der Erkenntnis, die uns dazu verhelfen, Dinge klar zu sehen und als das zu erkennen, was sie wirklich sind. Das Universum hat sich da zunächst als ein wunderbares System kreiert, das perfekt funktioniert. Wie die Planeten um die Sonnen kreisen, so bewegen sich auch Sonnensysteme in Perfektion im Universum. Das Leben an sich ist verkörperte Liebe, weshalb wir den Akt, der Leben hervorbringt auch stets mit dem, was wir als das Gefühl der Liebe kennen, in unmittelbare Verbindung bringen. Aber auch der Tod ist Liebe. Tod bringt Leben hervor, Leben kann nicht sein ohne Tod. Wir gewinnen Nahrung aus sterbenden Lebewesen, seien es nun Pflanzen oder Tiere, doch das Ende eines Lebewesen ist essentiell für das Überleben eines anderen und in der darin liegenden Anmut ist nichts anderes verborgen, als Liebe. Liebe die sich für uns manchmal ein wenig versteckt und kälter anfühlt, als das, was wir selber als Liebe empfinden – aber es ist und bleibt Liebe. Im der wundervollen Dokumentation „Unsere Erde“ gibt es eine Szene, in welcher eine Raubkatze eine Antilope jagt und reißt. Dieser eine Momente, in welchem das gejagte Tier ins Straucheln kommt und stürzt und von der Raubkatze getötet wird, zeigt auf eine ganz besondere Art, was ich meine. Ja, der Akt des Tötens mutet brutal und sehr hart an und wir verbinden dies zunächst nicht mit dem, was Liebe für uns ist. Doch in dem Moment, in dem das Beutetier gewahr wird, was seine Aufgabe ist, sehe ich Frieden und Hingabe in den Augen des bald sterbenden Tieres. Es ist, als würde es genau wissen, dass alles gut ist, trotz des Schmerzes. Ich sehe Liebe in seinen Augen.

Doch Liebe geht weit über das hinaus, was wir in der Natur oder um uns herum sehen können. Liebe ist in all unseren Taten oder besser gesagt, all unsere Taten entstehen aus Liebe oder aus dem Bedürfnis heraus, geliebt zu werden. Wir können Liebe in vielen Dingen sehen: Iem Blumenstrauß, den der Mann seiner Frau zum Jahrestag mitbringt und im Lächeln, dass sie ihm schenkt, wenn sie den Blumenstrauß überreicht bekommt. Wir sehen Liebe, wenn eine Mutter zu ihrem Kind eilt, dass bei den ersten Gehversuchen hingefallen ist und wir spüren die Liebe im ruhigen Atem unserer Kinder, wenn wir sie in unseren Armen in den Schlaf wiegen.

Liebe liegt aber auch in all den Taten verborgen, die wir oft als schlimm, ungerecht und verabscheuungswürdig empfinden. Doch wenn wir genau hinschauen, können wir sie erkennen. Damit rechtfertigen sich nicht in unser aller Verständnis diese Taten, aber wir können besser verstehen, warum sie geschehen. Liebe liegt auch darin, wenn zwei Menschen sich streiten und sich dabei gegenseitig ihre unschönen Eigenschaften und Verhaltensweisen an den Kopf werfen. Liebe ist darin verborgen, denn beide handeln aus der Angst heraus, die Liebe, die sie durch ihren Partner so stark spüren können, verlieren zu können. Wir handeln dann oftmals unüberlegt und werden hart und teilweise ungerecht, doch eigentlich wollen wir die für spürbare Liebe bewahren.

Ein Mensch, der im Gerichtssaal den Mörder eines Angehörigen erschießt, handelt aus purer Liebe. Aus dem Verlust heraus, den er glaub spüren zu müssen, weil ihm augenscheinlich Liebe genommen wurde. Aber auch im Akt des Mordes – und das wird nicht jeder von Euch so annehmen können – steckt der Wunsch nach Liebe. Es mag Aufmerksamkeit sein, die dieser Mensch so dringend benötigt, dass er eine solche Tat begeht oder vielleicht ebenfalls die Angst davor, gespürte Liebe andernfalls zu verlieren.

Wir alle handeln immer nur aus diesen beiden Motiven, weil wir lieben oder weil wir Liebe suchen. Es gibt keine Ausnahme. Wenn wir uns schnellen Sex in einer Bar suchen, dann suchen wir eigentlich die Liebe zu uns selbst, weil wir sie gerade nicht erkennen können und den anderen benötigen, damit er uns zeigt, wie wundervoll und liebenswert wir sind. Wenn wir einem älteren Menschen über die Straße helfen oder eine Wasserkiste die Treppen herauf tragen, handeln wir aus reiner Liebe, denn wir wissen, dass auch wir eines Tages auf liebende Gesten anderer angewiesen sein könnten. Wenn wir eifersüchtig sind, handeln wir aus Liebe, weil wir auch hier Angst haben, dass uns Liebe abhandenkommen könnte.

An Tagen wie heute empfinde ich einen inneren Frieden, weil ich weiß, dass Liebe niemals abhandenkommen kann, denn sie ist immer da. In all ihren Facetten und mit all ihren unterschiedlichen Gesichtern, die wir niemals im Laufe eines Lebens selber kennenlernen können und doch jedes davon schon kannten, bevor wir dieses Leben anfingen. Liebe ist in allem und zeigt sich durch alles, egal wie unmöglich es uns erscheinen mag. Wir müssen nur genau hinschauen und können sie erkennen. Und an Tagen wie diesem versuche ich mich mehr und mehr in Achtsamkeit für die Liebe zu üben, damit ich immer ein wenig mehr in diesem Bewusstsein von Liebe ruhen kann.

Sich selbst vergeben dürfen…

Manchmal verletzten wir durch das, was wir sagen oder tun einen Mitmenschen – einen Freund, einen Kollegen, ein Familienmitglied oder auch unseren Lebenspartner. Selbst wenn wir schon eine hohe Bewusstheit in unserem alltäglichen Leben unser eigen nennen, passiert es immer wieder, dass wir auch unbewusst handeln. Es kommt sogar vor, dass wir komplett aus ihr herausfallen und sich alte Muster zur Gänze wieder nach außen dringen.

Dieser Moment ist für alle Beteiligten in der Regel sehr schmerzhaft, denn auch der „Angreifer“ wird früher oder später wieder Schritt für Schritt in seine Bewusstheit zurückkehren und muss sich dann mit Schuldgefühlen und seinem eigenen Schmerz über diesen „Rückfall“ auseinandersetzen.

Einen Rückfall im Sinne des Wortes gibt es nicht. Das ist eine ganz fundamentale Erkenntnis, die wir uns dann immer wieder in unser Herz rufen dürfen. Es gibt immer einen Grund dafür, dass uns eine Situation aus den Händen gleitet und wir einen Teil von uns heraufbeschwören, den wir eigentlich dachten, hinter uns gelassen zu haben. Aber das an sich war schon ein Trugschluss. Es kann aus verschiedensten Gründen passieren, dass diese kleinen, kämpfenden und stechenden Anteile in uns getriggert werden: Stress auf der Arbeit, ein Unwohlsein auf Grund von Krankheit oder einfach irgendeine Unzufriedenheit. Diese Dinge sind dann nicht unbedingt die Gründe für einen Ausbruch, können aber die Auslöser sein. Und wenn sich dann diese Energie aus Angst und Schmerz freisetzt, kann sie in einem Moment der Unbewusstheit unserem Ego dienen, sich kurz vollends zu entfalten. All das innere Aufbegehren bricht heraus und alle vermeintlichen Schutzmechanismen werden wachgerufen. Sie dienen nur dazu, dem Ego zu bestätigen, dass es im Recht ist, so zu handeln. Leider geben sie uns nicht das, wonach wir uns eigentlich sehnen – keinen Schutz, kein Erkennen.

Kurz danach mag es sein, dass die Wogen sich wieder glätten und dennoch verbleiben wir oft noch in einem „leichteren“ Egozustand, der uns sagt, dass wir zu Unrecht gehandelt haben. Hiermit bestätigen wir uns aber eigentlich nur, dass wir weiteres Recht auf Leid haben und wenn wir nicht wieder in die Bewusstheit zurückkehren, dann verbleiben wir im Leiden. Generell ist nichts dagegen einzuwenden, aber wie ich schon einmal schrieb gibt es den feinen Unterschied zwischen der Wahrnehmung eines Zustandes, der uns weh tut und dem daran Festhalten und sich darin beinahe Suhlen. Das Festhalten am Schmerz wird uns Nichts aus diesen Situationen lehren. Wir sind verhaftet und bleiben förmlich stecken, blind und damit unfähig zu erkennen. Wenn wir in die Bewusstheit zurückkehren, können wir die Momente voller Ego als solche erkennen und haben bereits etwas über uns herausgefunden. Schauen wir weiter in uns hinein, kann sich manches Mal auch eine Ursache für unseren Ausbruch zeigen.

Wenn wir einen Menschen von uns stoßen, indem wir ihn mit Aussagen verletzen, die teilweise sehr hart und unerbittlich wirken können – das Ego hat wunderbare Mechanismen, sich sehr extrem auszuleben – dann verbirgt sich hierin oftmals ein altes Muster, welches nach Bestätigung verlangt. Vielleicht trage ich das Gefühl in mir, es nicht wert zu sein, eine harmonische Beziehung mit der betroffenen Person zu führen, vielleicht empfinde ich mich als schwach und klein, als nicht so gut und effektiv in meinem Handeln. Es können wir immer viele Gründe sein.
In jedem Fall werden wir mit einem Teil von uns konfrontiert, den wir nicht mögen. Niemand mag es, einen Menschen zu verletzen, an dem ihm etwas liegt. Warum zeigen wir uns dann aber trotzdem von diesen Seiten? Es sind Fluchtmechanismen oder Bestätigungsstrategien, die in Wörtern getarnt um uns schlagen und Raum schaffen wollen. Wir dürfen uns weiter darin üben, diese kleinen Teile in uns zu erkennen, die wir nicht mögen, denn unsere Chance ist, sie endlich zu akzeptieren und lieben zu lernen. Sie sind Teil von uns und können nicht abgetrennt werden. Je mehr wir sie als das begreifen, umso weniger werden sie um ihr Dasein bemüht sein, zu kämpfen.

Manchmal braucht es Zeit, sich das wieder ins Herz zu rufen, weil äußere Umstände unsere Kräfte ablenken und wir uns nur schwer auf unser inneres Selbst fokussieren können. Auch dann dürfen wir mit uns gnädig sein und uns selbst vergeben. Ja, es ist hilfreich, wenn uns der andere vergibt, aber umso wichtiger ist es, dass wir uns selbst vergeben können, was wir getan haben. Denn nur so können wir uns als Gesamtheit lieben und anerkennen und uns auch zugestehen, dass wir das bekommen und genießen dürfen, was uns gut tun.

Und manchmal haben wir einen kleinen Engel vor uns sitzen – jemanden, der wie ein sanfter Krieger unsere Seele erkennt und um sie kämpft, im Guten – einen Herzensfreund, der uns vollends versteht, uns aber auch unsere Grenzen aufzeigt und klar macht, wenn wir sie überschritten haben. Er wird sich möglicherweise auch seine Zeit nehmen, um seine Lernaufgabe aus der Situation zu erkennen, aber dennoch hat er uns schon alleine durch seine Präsenz, seine Güte und sein Verständnis geholfen, dass wir uns selber vergeben können.
Wenn wir einen solchen Schatz in unserer Nähe haben, dürfen wir dankbar und glücklich sein, denn trotz der Zweifel an uns selbst wird er uns helfend die Hand reichen – auf seine eigene Art, mit seiner eignen Kraft, definitiv aber immer aus unendlich großer Liebe.

Ich bin dankbar und glücklich, denn im Moment erlebe ich Situationen vermeintlicher Rückfälle und werde immer wieder von einem engelhaften Krieger darin bestärkt, dass ich diese Anteile von mir annehmen darf und stark genug bin, sie zu lieben und dass ich mir vergeben darf für meine kleinen Ausrutscher.

Katastrophen und Menschlichkeit

Ein schweres Erdbeben erschütterte vergangenen Samstag Nepal. Tausende starben, das ganze Land ist im Ausnahmezustand. Es gibt kein fließendes Wasser, ganze Dörfer und Städte sind von der Außenwelt abgeschnitten und kaum zugänglich. Am Fuße des Himalajas sitzen zudem Bergsteiger fest, die sich für 60.000 Euro eine Besteigung des höchsten Berges der Welt als Abenteuer gegönnt haben. Oh ja, ein Abenteuer haben sie in diesem Fall bekommen.
Das Land Nepal verfügt selbst nur über eine Handvoll Hubschrauber, die nun zur Versorgung der leidenden Bevölkerung eingesetzt werden können. Wohl 30 weitere sind in privater Hand und können ebenfalls eingesetzt werden. Doch es ist, wie es immer ist. Wer soll diese privaten Hubschraubereinsätze bezahlen? Kann die kleine Familie im Bergdorf dem Besitzer ein paar Tausender in die Hand drücken, damit sie aus ihrer misslichen Lage befreit werden können?
Das können diese armen Menschen leider nicht. In der Lage dazu sind eher die reichen Touristen, welche nach der erschütternden Erfahrung am Fuße des Berges dringendst wieder in das heimelige Land ihrer Herkunft zurückkehren wollen. Sie können diese Tausender einfach mal eben aus der eigenen Tasche bezahlen und befinden sich im Handumdrehen wieder in „Sicherheit“. Hat einer von ihnen auch nur daran gedacht, dem Piloten des Helikopters etwas mehr zu geben, um einen weiteren Flug zu vollziehen und den Menschen, die nun keine Heimat mehr haben zu helfen?

 

Die Nachrichten sind stets voll von Meldungen über die schlimmen Dinge, die auf der Welt passieren. Vor etwas mehr als einem Monat stürzte ein Airbus der Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf ab und erschütterte wohl die ganze Nation. Die Nachrichten überschlugen sich in den ersten Tagen nach dem Absturz mit neuen Erkenntnissen und vermeintlichen Wahrheiten über das, was an Bord der Maschine passiert sein soll. Es wird wie immer direkt die Frage der Schuld am Absturz gestellt, denn irgendwie liegt unser Interesse scheinbar ausschließlich darin, mit dem Finger auf das zeigen zu können, was die Ursache für die Katastrophe war. Eine Geste, die wie so oft alle Verantwortung im Außen sucht.

Nach wenigen Tagen schien es ausreichend „Beweise“ zu geben, um die Schuld dem Co-Piloten zuweisen zu können, der augenscheinlich den Absturz bewusst herbeigeführt hat. Psychisch instabil, dennoch flugtauglich beurteilt – offenbar ein perfekter Täter, der durch ein imperfektes Sicherungssystem eine Möglichkeit bekam du nutzte. Alle Welt zeigt seither mit dem Schuldfinger auf diesen jungen Mann. Stimmen werden laut, dass Piloten künftig besser untersucht werden müssen, man erwägt, die ärztliche Schweigepflicht zu lockern, um ihre Gesundheitsdaten zugänglicher zu machen. Wilde Strategien zum Schutz der Allgemeinheit werden entwickelt.

Stimmen in der Öffentlichkeit werden lauter, die ihre Wut über das, was passiert ist, an den vermeintlichen Täter abgeben. Er sei ein Idiot, ein Egoist. Beurteilt und verurteilt aus den tiefsten Ängsten der Menschen. Jeder scheint genau zu wissen, was da passiert ist. Immerhin hatte er sich doch Tage vorher im Internet über Selbstmord und auch über den Mechanismus zur Verriegelung einer Cockpit-Tür informiert. Dieser niederträchtige Mensch hatte für seine Missetat alles geplant. Ich habe selbst Gespräche wie diese miterlebt. Am Osterwochenende bei einem Familienbesuch hörte ich ähnliche Äußerungen. Er habe das genau geplant, in diesem Moment, weil er die Strecke und die Gegend so gut kannte und wusste, dass dort das Flugzeug definitiv zerschellen würde.
Ich konnte in diesem Moment nicht anders, als das Gespräch zu unterbrechen und meine Verwandtschaft darauf hinweisen, dass es mindestens einen Denkfehler in diesem Konstrukt gab, abgesehen davon, dass die restlichen Aussagen auch nur spekulative Interpretationen basierend auf fragmentarischen Informationen aus medialer Berichterstattung waren. Ich wies darauf hin, dass diese Tat nicht ins Detail planbar gewesen sein konnte, allein schon weil der Co-Pilot niemals wissen konnte, dass exakt in diesem Moment sein Kollege und damit der Pilot des Flugzeugs das Cockpit verlassen würd. Denn hätte er dies nicht getan, dann wäre unser Täter wohl kaum in der Lage gewesen, seinen „bis ins Details ausgeklügelten“ Plan umzusetzen. Möglicherweise hätte er seinen Plan dann gar nicht mehr umgesetzt, weil ihn auf der nächsten Flugroute sein Mut dazu verlassen hätte? Das wissen wir jedoch nicht, so wie wir auch nicht wirklich wissen, was exakt im Flugzeug geschah. Und wenn der Pilot dadurch, dass er das Cockpit verlassen hat, möglicherweise „ausgelöst“ hat, dass der Co-Pilot diese Tat vollzog, während er sie – rein spekulativ – auf dem nächsten Flug während des Toilettengangs seines Piloten nicht mehr ausgeführt hätte, hat dann der Pilot nicht auch Schuld daran, dass es zum Unglück kam? Ohha, jetzt wird es aber wirr… In der Tat, aber das passiert, wenn wir uns ein komplettes Bild aus fragmentarischen Informationen basteln und dieses dann als Wahrheit bezeichnen. Doch wir neigen eben dazu, in diesen kollektiven Leidenserfahrungen unsere eigene Realität aus den bruchstückhaften Informationen zusammen zu setzen. Diese Realität verwenden wir, um uns zu beruhigen und innere Sicherheit zurück zu bekommen. Wir wollen bestmöglich ein Gesamtbild schaffen und uns selbst wenig weit aus dem heraus bewegen, was die Komfortzone unserer Vorstellungskraft zulässt.

Ich denke über den Absturz und seinen „Verursacher“ ein wenig anders, als es wohl viele andere und gab die hier folgenden Gedanken auch bei jenem familiären Anlass preis und forderte damit einige der Anwesenden etwas heraus.
Mir geht eigentlich nur eine Sache durch den Kopf: Sollte der Co-Pilot in der Tat den Absturz wissentlich und willentlich herbeigeführt haben, dann frage ich mich, welch einen Schmerz dieser Mensch tief in sich getragen haben muss, dass er es als vertretbar empfunden hat, über Hundert andere Menschen mit in den Tod zu reißen.
Diesem Gedanken geht meine grundsätzliche Annahme voraus, dass kein Mensch auf der Welt von sich selbst das Verständnis hat, böse zu sein oder zu handeln. Alles, was er tut, ist in seinem Wertungssystem vertretbar und in jenem Moment die richtige Wahl. Ich meine, ist einer von Euch jemals morgens aufgestanden, hat in den Spiegel geschaut und dabei gedacht: „Ich bin ein böser Mensch und werde heute etwas wirklich Schlechtes tun.“
Sicherlich gibt es Menschen, die bewusst „schlechte Dinge“ tun, aber sie empfinden diese in dem Moment immer noch als „richtig“. Also bleibe ich bei meiner Frage, die einfach nur lautet, welches Leid hat dieser Mensch empfunden, dass er seien Tat als richtig ansah?
Dann sehe ich unsere Gesellschaft, das westliche Zusammenleben, in dem es für jeden Hilfe geben und niemand im Stich gelassen werden soll. Wir haben soziale Systeme, die uns auffangen, wenn wir fallen und so weiter. Wir nennen das zivilisiert. Wie aber kann es sein, dass in einer solchen zivilisierten Welt manche Menschen so leiden, dass sie eben jene Dinge tun? Warum ist es uns als einem der reichsten Länder der Welt nicht möglich, zu verhindern, dass ein Mensch überhaupt erst in eine solche emotionale Schieflage kommt, die ihn im Zweifelsfall zu einer solchen Tat treibt? Was wollen wir uns und unseren Mitmenschen noch alles zumuten in diesem System, dass jeden dazu antreibt, immer der „Beste“ zu sein und stets zur Effektivitäts- und Effizienzmaximierung beitragen zu müssen – ohne Rücksicht auf unser Wohlergehen?

Aber diese Fragen wollen wir oftmals nicht stellen. Wir wollen sie nicht hören, denn wenn wir sie zulassen, dann müssen wir mit dem Finger der Schuldzuweisung auch ein wenig auf uns selber zeigen, denn wir sind Teil dieses Systems, das Menschen so verzweifeln und sie Taten begehen lässt, die ihnen und anderen Schaden zufügen. Wir müssten im Bewusstheit damit leben, dass wir Prozesse unterstützen, die anderen und auch stets uns selbst Schaden zufügen, da wir in unserem Denken und Handeln oftmals nur sehr kurzsichtig agieren. Und deshalb bleiben wir gerne dabei, uns unsere kleine Wahrheit über eine Katastrophe zu bauen, in der wir die Schuld einem Individuum zuweisen, denn damit können wir unsere Verantwortung an den Dingen, die eigentlich in multiverbundenen Prozessen verwoben sind, vermeintlich loslösen und unser Gewissen beruhigen.

Ich trauere neben allen Opfern des Absturzes auch um diesen Mann, dessen Leid möglicherweise zu groß war, um zu erkennen, welche Folgen seine Taten haben würden. Ich gedenke der Familie, der Freunde und der Kollegen, die ihn verloren.
Ein Einzelner hat eine Wirkung erzielt, aber er war nicht der Wirkung Ursache.

Gefährten auf dem Weg

Es gibt Momente, die mich dazu veranlassen, Dinge zu hinterfragen, die uns in unserem Leben wiederfahren. Es sind manchmal die schönen Dinge, es sind hin und wieder auch die traurigen Dinge. Es können glückliche Momente sein oder auch traumatische Ereignisse. Letztlich gehören sie alle zu unserem Leben, denn „Leben“ bedeutet, Situationen zu erleben, zu begreifen, sie abzuschließen und neue zu suchen.

Eine Nachricht hat mich am vergangenen Wochenende sehr bewegt. Ein lieber Freund hat eine Gefährtin verloren. Sie war für eine ganze Weile immer bei ihm und war ihm eine treue Begleiterin. Ein wunderschönes Tier, anmutig und aufmerksam, immer genau wissend, wenn es einem Menschen in ihrer Nähe nicht gut ging. Sie war manchmal feige, denn sie mochte den Regen nicht. Wie eine kleine Diva warf sie einem beschuldigende Blicke zu, wenn man im Regen mit ihr eine Runde drehen wollte. Möglicherweise liegt es in ihren Genen als Rhodesian Ridgeback-Dame, dass sie Regen einfach nicht mögen sollte. Ich trauerte und habe geweint, aber ich habe mich auch aus diesen Erinnerungen heraus freuen können.

Es war mir ein Vergnügen, sie zweimal als Ferienkind bei mir aufnehmen zu dürfen und obgleich es nur wenige Tage waren, die sie bei mir verbrachte, so hat sie in diesen Momente einfach mein Leben bereichert. So bleibt sie in meinem Herzen und ich bin dankbar dafür.

Wenn ein solcher Wegbegleiter uns verlässt, dann wissen wir oftmals im ersten Moment nicht, warum es uns geschieht. Vor allem, weil ein Verlassen durch den Tod für uns so unwiederbringlich erscheint. Es mutet einfach endgültig an und lässt uns scheinbar ohne eine Wahl zu haben zurück.

Doch Tod und Verlassen gehört zu unserem Leben hinzu, wie ich es bereits geschrieben habe. Im Erleben dieses Verlustes kann für jeden von uns die Erkenntnis verborgen sein, dass wir einfach hin und wieder auch diese Art des „Verlassen werden“ erleben müssen. Diese Erkenntnis zu spüren ist die Wahl, die wir in solchen Momenten haben. In diesem Erlebnis wird für jeden von uns eine Aufgabe liegen, die wir durch die Erfahrung erkennen und lösen können. So wie das erste Mal, wenn unsere Eltern und an der Kindergartentür „verlassen“. Wir können hier lernen, dass es nicht schlimm ist, wenn unsere Eltern für eine gewisse Zeit einmal nicht um uns sind oder aber wir lernen, dass es uns extrem schwer fällt, sie nicht um uns zu haben.

Wenn uns ein tierischen Begleiter verlässt, der empathisch war wie diese Hündin, dann kann es sein, dass es an der Zeit für uns ist, Situationen in denen sie aus ihrer Empathie heraus für uns da war, allein zu lösen oder aber einen anderen Gefährten zur Unterstützung zu uns zu rufen.

Jeder kann für sich selber herausfinden, was sich darin verbirgt. Es wird den Schmerz des Verlustes nicht verschwinden lassen. Es wird diesen Schmerz nur verändern und vielleicht wird uns klar, dass das physische Zusammensein zwar nicht mehr möglich ist, aber dennoch keine wirkliche und endgültige Trennung vollzogen wurde, denn die Verbindung, die wir in diesem Universum zu allem und jedem haben, wird nicht durch das Ende der physischen Existenz getrennt.

Mit jedem Gefährten, der uns verlässt, wird es auch andere Gefährten geben, die neu zu uns stoßen. Die neuen Gefährten mögen nicht immer so dicht bei uns sein und vielleicht auch nicht so beständig. Manche bleiben verborgen im Hintergrund und zeigen sich nur in seltenen Momenten, dann aber umso deutlicher. Andere gehen eine ganze Strecke auf dem Weg unseres Lebens neben uns und biegen nur selten auf eine Nebenstrecke ab. Wieder andere treffen wir nur an bestimmten Kreuzungen und Gabelungen immer wieder. Und hin und wieder begegnet uns ein Gefährte, in dem wieder das Potenzial steckt, ganz dicht, ganz intensiv bei uns zu sein und es ist an uns, was wir daraus erwachsen lassen. Möglicherweise entfaltet sich aus einem Zusammentreffen eine Energie, die in der Verbindung weitaus mehr zu erschaffen vermag, als die Summe dessen, was beide Wesen allein hätten vollbringen können und mit ein wenig Glück haben wir eine lebenslange Liebe finden können.

Ich durfte so jemandem begegnen und freue mich mit Spannung darauf, wieviel und wie intensiv und wie bereichernd unsere Wege sich ab sofort vielleicht gleichen mögen.

Ich freue mich, ich bin dankbar… für jeden Gefährten, der mich verlassen hat, für jeden, der bei mir blieb, für jeden, den ich neu treffen darf, für jeden, dem ich wieder begegne und für den, der mein Herz ganz wundervoll berührt.