Blindheit im Erkennen

Der Weg des Erkennens ist immer wieder auch durch Phasen mit Blindheit gekennzeichnet. Wenn wir einmal für uns selbst die Erfahrung gemacht haben, Dinge in uns zu sehen, dann steigt oftmals auch das Bedürfnis, diese Erkenntnis mit anderen zu teilen. Wir wissen natürlich, dass es keinerlei Sinn macht, andere Menschen zu missionieren. Vielmehr können wir besser unsere Erfahrungen teilen und den Menschen an unserer Seite einfach aufzeigen, was wir in diesem Erleben empfunden und erkannt haben.

Doch immer wieder kommt es auch dazu, dass wir dies auch vergessen und einfach zu einem permanent ähnlichen Spiegel für den anderen werden. Für den anderen Menschen ist es nicht unbedingt zuträglich, wenn er durch uns immer nur denselben Aspekt gespielt bekommt. Vor allem, wenn dieser Mensch längst begriffen hat, was dieses Spiegelbild für ihn bedeutet. In dem Glauben, uns – und andere – erkannt zu haben, kann es so leicht geschehen, dass wir unsere Umgebung mit einem Bild geradezu überfluten. Dabei vergessen wir aber vielleicht andere wichtige Komponenten, die ebenfalls in diese Art des Austauschs integriert werden könnten.

Manchmal sollten wir vielleicht einfach nur zuhören und dem anderen schlicht den Raum geben, sich auszudrücken und seine innersten Empfindungen zu formulieren. Es ist nicht immer nötig, das dann durch unsere Brille gefiltert zu kommentieren.
Vielleicht geht es manchmal auch einfach viel mehr um einen praktischen Rat, den der andere viel mehr benötigt, als von uns darauf gestoßen zu werden, was sein Inneres eigentlich gerade ausdrückt.
Manchmal fehlen uns aber auch die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen, weil wir auf Grund unserer Erfahrungen des Erkennens eine gewisse Selbstgefälligkeit und Leichtigkeit nach außen tragen. Ja, sicherlich dürfen wir die Leichtigkeit in unserem Sein stets in uns tragen, aber wir sollten dabei unsere Sensibilität nicht verlieren. Verständnis und Trost sind manchmal ebenso gut oder gar besser, als die Lehre unserer Erfahrung zu rezitieren.

Unser Gegenüber wird so oder so die Erfahrungen machen, die es machen soll. Für uns kann in einem solchen Moment die Chance liegen zu erkennen, Zurückhaltung und Geduld zu üben. Vor allem werden wir werden immer dann zu einem sich wiederholenden Spiegel, wenn sich in uns beinahe unmerklich Erwartungshaltungen manifestieren, die wir an den anderen Stellen.

Natürlich, wir stehen stets im Dialog mit unserer Umwelt und dieser bedingt sich gegenseitig. Wir reagieren und geben Anlass, dass unser Gegenüber auf uns reagiert und umgekehrt. Allerdings müssen wir vorsichtig sein: Aus dem Dialog kann unbemerkt ein Monolog werden und der nimmt uns am Ende die Leichtigkeit im Umgang mit all den wundervollen Seelen, die uns im Leben begegnen.

Auch wir dürfen manchmal wieder auf „Null“ schalten und uns fragen, ob wir dem anderen genug Aufmerksamkeit geschenkt haben, um ihn so wahrzunehmen, wie er ist oder aber ob wir vielmehr auf uns selbst fokussiert gewesen sind und dabei an einem überalterten Bildnis des anderen hängen geblieben sind, welches wir uns und ihm immer wieder vorzeigen.

Gedanken der Selbstverleugnung

WOW, die Zeit vergeht. Seit nunmehr drei Wochen melde ich mich heute mit meinen Gedanken wieder einmal zu Wort. Inspiriert von Dingen, die ich jüngst erlebt habe. Es ist nicht neu, wenn ich hier noch einmal erwähne, dass all das Erleben, Lernen, Erfahren und Verstehen in unserem Leben niemals wirklich aufhört. Immer wieder geschehen Dinge, die uns eine neue Erkenntnis an die Hand geben und unsere Wahrnehmung des Außen, aber auch des inneren Selbst verändern. In diesem ganzen “Prozess“ einer bewusster werdenden Wahrnehmung, fallen uns dann immer wieder neue Dinge auf. Ein sich immer wieder selbst erhaltender Kreislauf. Ich habe zum Beispiel durch drei verschiedene Gespräche und Situationen am Wochenende mit sehr lieben Freunden festgestellt, dass ich mir viel weniger Gedanken über und in bestimmten Situationen mache, als früher. Sei es nun, wenn es um Gespräche mit Vorgesetzten geht, Termine mit Banken und Versicherungen oder Kunden bzw. Klienten oder aber beim Kennenlernen neuer Menschen.

Ihr kennt das sicherlich alle. Ihr trefft einen Menschen. Dieser ist sehr interessant und spricht Euch vielleicht intellektuell wie auch körperlich an und plötzlich keimt im Kopf eine Frage auf: „Sehen meine Haare auch gut aus?“ Oder wir sind unsicher, darüber, ob die Schuhe, die wir gerade tragen wirklich zu unserer restlichen Kleidung passen. Dem einen oder der anderen wird folgende, schon in Filmen und Büchern aufgegriffene Situation sicherlich auch bekannt vorkommen: Wir haben mit einem tollen Menschen eine erste Nacht verbracht und wachen gemeinsam am folgenden Tag auf. Unser erster Gedanken ist, ob unser Atem schlecht ist oder wir nun anderweitig am Körper unangenehm riechen.
Egal in welcher dieser Situationen – Wir verlieren uns in wildesten Gedankenspielen darüber, ob wir so, wie wir sind, auch wirklich gut sind. Ob wir so, wie wir sind, dem anderen genügen. Ob wir nicht vielleicht besser oder anders sein könnten oder sogar sollten. Und da sage ich ganz klar, in vollem Bewusstsein und aus tiefstem Herzen: NEIN. Wir sind in diesen Momenten mit den unpassenden Schuhen, den wirren Haaren, den ganz natürlichen Gerüchen unseres Körpers nach einer Nacht voller Leidenschaft absolut und genauso richtig, wie wir sind. Wie sollten wir auch nicht richtig sein können?

All diese Gedanken sind eigentlich nicht bezogen auf die andere Person, die da mit uns den gleichen Moment und die gleiche Situation teilt. Es geht uns nicht darum, dass wir diesem Menschen einen schlimmen Anblick auf Grund schlecht sitzender Haare oder farblich katastrophaler Schuhe ersparen wollen. Im Zweifel ist es uns auch egal, ob unser Atem dem anderen die Luft raubt. Nein, wir sind tief unter diesen selbstlosen Fragen des Wohlbefindens der anderen Person zutiefst egoistisch. Wir benutzen diese andere Person nämlich lediglich als ein Gefäß für unsere Unsicherheiten und Unzufriedenheiten über uns selbst. Wir stellen uns als vollkommene Wesen wieder einmal in Frage und wollen uns nicht zugestehen, dass es nichts, aber auch absolut nichts gibt, was nicht völlig in Ordnung und perfekt wäre. Wir nehmen den anderen als Spiegel für uns und versuchen, uns durch dessen Augen zu betrachten. Dabei machen wir uns schlechter, als wir wirklich sind. Wir bewerten uns durch dritte Augen und wissen nicht einmal, ob es wirklich die Perspektive des anderen ist. Vielleicht findet der andere unsere wirre Frisur großartig, weil sie unsere Kreativität so wundervoll zeigt. Vielleicht ist der andere angetan von unserem Mut, einfach auch einmal gegen die aufgedrückten Regeln der Mode zu verstoßen und Schuhe zu tragen, die nicht so ganz zum Rest unseres Outfits passen. Möglicherweise ist unser Körpergeruch am Morgen eine Inspiration für den anderen, weil er oder sie uns einfach so unglaublich gut riechen kann, dass es beflügelt und ein tiefstes Gefühl der Glückseligkeit verschafft oder aber einfach noch einmal hemmungslose Leidenschaft hervorruft. Großartig, oder?

Aber wir sehen es häufig leider nicht aus dieser Warte, sondern verurteilen uns selbst in unserem eigenen Sein. Am Ende sind wir dadurch blockiert und können unsere Bedürfnisse nicht richtig äußern und unsere wundervollen Fähigkeiten und Eigenschaften nicht wahrlich zum Ausdruck bringen. Wir sind nicht authentisch und früher oder später ist es genau das, was dieser andere wunderbare Mensch merken und oftmals zunächst unterbewusst erkennen wird. Es wird ihn dazu bringen, sich von uns zu entfernen.

Wenn wir uns selbst nicht so lieben und annehmen können, wie wir sind, kann dies auch ein anderer nicht für besonders lange Zeit. Oder nein, es ist so nicht ganz richtig ausgedrückt. Lieben kann uns ein anderer Mensch sehr wohl auch dann, aber es fällt schwer, dann für lange Zeit bei uns zu sein. Wenn wir uns selber leugnen, uns vor uns selbst verstecken, dann kann auch ein anderer Mensch nicht an unserer wahres Ich herantreten und die wundervollen Momente des Lebens mit uns teilen – wie auch, wenn wir uns doch mit aller Kraft vor uns selber verstecken und uns vor uns selbst verleugnen. Wenn wir es schaffen, uns immer wieder ein wenig mehr von diesen zweifelhaften Gedanken zu befreien, hilft es uns, uns selber zu verstehen. Wir legen damit wieder ein kleines Stück unserer tief versteckten Seele frei und können uns selbst als das wundervolle Wesen erleben, welches wir alle sind.

Als ich heute Morgen meine Morgenseiten schrieb, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich solche Gedanken früher sehr häufig hatte und ich sie derzeit fast gar nicht mehr habe, oder aber dass sich zumindest das Maß an solcherlei Gedanken verringert hat. Es war ein Moment großer innerer Freude. Nicht des Triumphes über mich selbst, nein vielmehr ein Gefühl der Ruhe und Entspanntheit. Es geht auch nicht darum, es jetzt „geschafft“ zu haben, denn ich weiß, dass es leicht passieren kann, dass uns alle ein solcher Gedanke wieder einmal „heimsucht“. Daran ist nichts Schlimmes oder Schlechtes zu finden. Wie immer bleibt uns nur, die Frage zu beantworten, ob wir es erkennen und daraus etwas kreieren wollen oder ob wir uns entscheiden, dies nicht zu tun.

Wir alle entscheiden, jede und jeder für sich, ob wir erkennen und erleben wollen. Das tut niemand sonst für uns. Ich bin froh, mich dafür entschieden zu haben, zu erkennen und zu erleben. Wozu entscheidest Du Dich?

Kritik annehmen

Eines der unangenehmsten Dinge für viele Menschen ist es, Kritik anzunehmen. Das bezieht sich in erster Linie auf „negative“ Kritik, aber auch „positive“ Kritik können manchmal schwer anzunehmen sein. Heute möchte ich aber zunächst über erstere schreiben:

Es kann der Vorgesetzte sein, aber auch Freunde, Familienmitglieder oder völlig Fremde. Meistens ist es umso schwerer, die Kritik zu ertragen, je näher uns der Mensch steht. Manchmal ist es aber auch gerade der „Fachmann“, welcher unser Handeln kritisiert und wir fühlen uns von einem Moment zum nächsten völlig aus der Bahn geworfen. Neben der Tatsache, dass jedwedes Gefühl aus Kritik oder unangenehmen Kommentaren völlig richtig ist, verlieren wir manchmal aus dem Augen, dass ein solches Erfahren einen Sinn haben kann.
Statt dessesn verdammen wir den Kritiker für seine Äußerungen oder erkennen ihm die Berechtigung ab, überhaupt in der Lage zu sein, den Sachverhalt zu bewerten. Dennoch wird damit dieses unangenehme, stechende oder dumpfe Gefühl nicht vergehen – im Gegenteil – es wird stärker. Wir können die Kritik nicht annehmen, weil wir glauben, damit einen Teil von uns zu verraten. Wir hatten doch alles durchdacht! Wie kann diese Person wagen, an uns zu zweifeln. Eckhart Tolle* spricht in solchen Zusammenhängen auch vom „Schmerzkörper“, welchen wir alle in uns tragen. Dieser wird exakt durch eine solche Haltung genährt.
Wie aber kann ein solches Erlebnis in etwas Positives gewandelt werden? Etwas dass uns hilft?
Es ist nicht immer leicht, da besteht kein Zweifel. Wenn wir es aber schaffen, die Kritik als eine Chance zu sehen, uns noch genauer zu hinterfragen oder einen anderen Blickwinkel auf den Sachverhalt zu bekommen, ist das unheimlich viel Wert. Hieraus können wir unseren Fokus legen, nicht auf den Schmerz, sondern auf die Ernenntnis. Unsere Aufmerksamkeit bekommt dadurch einen erweiterte Wahrnehmung der Realität. Es ist ein wenig so, als würden unsere Sinne erweitert. Wir haben die einmalige Chance, Dinge zu erkennen, die uns vorher verborgen waren. Dinge, die wir vielleicht nicht sehen wollten, weil wir uns zu sicher waren oder weil wir nicht genau überlegt hatten. Vielleicht wird uns dadurch auch einfach klar, dass wir alles bestens bedacht haben.

Entscheident ist, dass letztlich alle Erlebnisse des Lebens uns die Chance geben, etwas zu entdecken, etwas zu lernen oder etwas weitergeben zu können.

*Eckhart Tolle: „Jetzt! Die Kraft der Gegewart“ erschienen im J. Kamphausen Verlag